«Aus der Zeit gefallen», «unnötig», «verantwortungslos»: Der VCS kündigt Widerstand gegen den Zubringer Appenzellerland ab

Der Verkehrsclub der Schweiz hält den geplanten Autobahnzubringer für unnötig. Das Appenzellerland sei ausreichend ans Netz angeschlossen.

Jesko Calderara
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Die ausgebaute Appenzellerstrasse von Winkeln nach Herisau reicht nach Ansicht des VCS als Autobahnanschluss au.

Die ausgebaute Appenzellerstrasse von Winkeln nach Herisau reicht nach Ansicht des VCS als Autobahnanschluss au.

Bld: PD

Zwar besteht das Projekt erst auf dem Reissbrett, gibt ab bereits Anlass zu kontroversen Diskussionen. Mit dem Autobahnzubringer Appenzellerland soll die Region einen weiteren Anschluss an die A1 erhalten. Als erster Gegner dieses Strassenbauprojekts meldet sich nun der VCS Schweiz zu Wort. Er reagiert damit auf eine kürzlich veröffentlichte Ecoplan-Studie. Das Beratungsunternehmen führte bei regionalen Unternehmen eine Umfrage durch. Die Rücklaufquote betrug rund 23 Prozent. Eine Analyse der Resultate zeigt: Die Wirtschaft misst einer besseren strassenseitigen Anbindung der Region für die wirtschaftliche Entwicklung eine grosse Bedeutung zu.

Der GAossauer SP-Kantonsrat Ruedi Blumer ist VCS-Präsident

Der GAossauer SP-Kantonsrat
Ruedi Blumer ist VCS-Präsident

Bild: Regula Kühne

Der schweizweit mitgliederstärkste Umwelt- und Verkehrsverband kann dieser positiven Beurteilung nichts abgewinnen. «Das Vorhaben erinnert an die Autobahneuphorie der 60er-Jahre», sagt VCS-Präsident Ruedi Blumer. Der Gossauer SP-Kantonsrat ist auch Co-Präsident der VCS-Sektion St.Gallen-Appenzell. Er sagt, die Umwelt- und Raumprobleme der Gegenwart würden komplett ignoriert.

Zweiter Anschluss wäre ein Sonderfall

Seine ablehnende Haltung begründet der VCS unter anderem mit der Appenzellerstrasse von Winkeln nach Herisau, die soeben ausgebaut wurde und nun seit Anfang des Jahres zum Strassennetz des Bundes gehört. Damit sei das Appenzellerland ausreichend ans Autobahnnetz angebunden, argumentiert Blumer. Das Vorhaben, bei Klimanotstand nur wenige hundert Meter neben dem bestehenden, gut ausgebauten Anschluss einen weiteren zu errichten, hält Blumer für «vollends aus der Zeit gefallen.» Gemäss dem VCS-Präsident wäre dies schweizweit einmalig und hat darum aus nationaler Optik selbst unter Strassenbauanhängern keinerlei Priorität.

Ecoplan dagegen kommt unter Abwägung aller Vor- und Nachteile zu einem anderen Gesamtfazit: Der Zubringer Appenzellerland schneide aus volkswirtschaftlicher Sicht sehr vorteilhaft ab, heisst es in der Studie. Allerdings wurde der zu erwartende Mehrverkehr aufgrund fehlender Datengrundlagen nicht berücksichtigt. Dieser würde das Ergebnis jedoch negativ beeinflussen, schreiben die Fachleute. Mehrverkehr durch das zusätzliche Angebot erwartet auch der VCS. Dies zeigten andernorts gemachte Erfahrungen, sagt Blumer. «Abgesehen davon fehlen mit dem Bau neuer Strassen Anreize, das Mobilitätsverhalten zu ändern.» Dies hält der VCS aufgrund des Klimawandels, der Coronakrise und raumplanerischer Herausforderungen jedoch für zwingend nötig. Alleine mit dem Zweitönner-Allrad-SUV zur Arbeit zu fahren, liege nicht mehr drin, gibt Blumer zu bedenken. Gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft sei dies verantwortungslos.

Busspuren und bessere Velowege als Alternativen

Die Studie zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Zubringers zeigt, dass der Nutzen des Projekts vor allem aus Reisezeitgewinnen resultiert. Gleichzeitig soll die Situation für ÖV-Busse und Velos verbessert werden. Solche Vorteile sind nach Ansicht des VCS einfacher realisierbar als mit dem Bau des Wachtenegg- sowie des Nieschbergtunnels. Der Verkehrsverband schlägt stattdessen die Errichtung von Busspuren und den Bau einer sicheren Verkehrsinfrastruktur vor. Blumer sagt:

«Dadurch wird gefördert, dass die Mitarbeitenden vermehrt mit dem ÖV oder dem Bike statt dem Auto zur Arbeit kommen.»

Es liege auch in der Verantwortung der Firmen als Arbeitgeber, entsprechende Mobilitätskonzepte zu erarbeiten.

VCS will in Bern für ein Nein kämpfen

Ob das Grossprojekt dereinst realisiert wird, entscheiden Bundesrat und Parlament im Rahmen der Strassenbauprogramme. Deshalb kündigt der VCS an, bei National- und Ständeräten dagegen zu lobbyieren. «Das Bauvorhaben wird von der gesellschaftlichen Entwicklung eingeholt und nie realisiert werden», zeigt sich Blumer überzeugt.