Der Turm zeigt zum gleichen Himmel

Die reformierte Kirche in Kirchberg wurde vor 60 Jahren eingeweiht. Zuvor nutzten die Evangelischen über 400 Jahre lang die katholische Kirche. Das Nebeneinander der Konfessionen führte auch zu Streitereien. Mittlerweile sind sie sich aber wieder viel näher gekommen.

Ursula Ammann
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Sinnbild der Eigenständigkeit: Vor 60 Jahren erhielten die Evangelischen in Kirchberg ihre erste Kirche. (Bilder: Ursula Ammann)

Sinnbild der Eigenständigkeit: Vor 60 Jahren erhielten die Evangelischen in Kirchberg ihre erste Kirche. (Bilder: Ursula Ammann)

KIRCHBERG. «Tut mir auf die schöne Pforte» sang die Jugend. Und das tat Kirchenpräsident Johannes Wiget an jenem ereignisreichen Sonntag im Herbst 1954 dann auch. Mit dem Schlüssel, den er zuvor bewegten Herzens entgegengenommen hatte, öffnete er feierlich die Kirchentür und gewährte den evangelischen Kirchbürgern Einzug in ihr neues Gotteshaus. Für diese war es aber nicht nur ein Schritt in einen blumengeschmückten Raum, der von den Klängen der Orgel durchflutet wurde. Es war auch der Schritt in die Selbständigkeit.

In den gleichen Bänken

Die Evangelische Kirchgemeinde Kirchberg besteht seit 1524. Bis zur eigenen Kirche war es aber ein langer Weg. Über 400 Jahre konnten die Evangelischen die katholische Kirche für Gottesdienste, Kinderlehre, Trauungen, Abdankungen als auch für Gemeindeversammlungen auf vertraglicher Ebene unentgeltlich benutzen. «Die gleichen Glocken, die die Katholiken ins Gotteshaus riefen, läuteten auch zu unserem Gottesdienste ein, und das gleiche Geläute, das dem katholischen Mitbürger zum Grabe läutete, begleitete auch die zur Ewigkeit abgerufenen Glieder der evangelischen Gemeinde zum gemeinsamen Friedhof. Auf die gleichen Kirchenbänke setzten sich jeden Sonntag zuerst die Katholiken und nachher die Reformierten.» So beschrieb N. Feurer in seinem Buch «Aus der Geschichte der evangelischen Kirchgemeinde Kirchberg» die Zeit der paritätischen Nutzung. Diese aber führte zuweilen auch zu Zwistigkeiten, wie aus dem Buch hervorgeht.

Psalmen als Stein des Anstosses

Im Jahre 1748 bauten die Katholischen ihre Kirche neu auf, denn diese war ihrer Ansicht nach zu klein geworden und zu baufällig. Die Evangelischen befanden, für sie sei die Kirche gross genug, und beteiligten sich nicht an den Kosten, wozu sie gemäss dem Badener Friedensvertrag auch nicht verpflichtet waren. Allerdings stellten die Evangelischen im Rahmen des Neubaus gewisse Forderungen. Ihr Messmer sollte beispielsweise das Recht haben, durch den Chorraum aus der Kirche zum Turm zu gehen. Die Katholischen lehnten dies jedoch ab. Darauf verlangten die Evangelischen nach einem besonderen Gänglein an der linken Chorwand für den Messmer. Auch dies wollten die Katholischen nicht gutheissen. Die Begründung: Die Kirche werde dadurch geschändet und verdorben. Überhaupt sei ein solches Gänglein in keiner Toggenburger Kirche vorhanden. Auch die Forderung der Evangelischen, wonach ihrem Pfarrer für die Trauungen ein Platz innerhalb des Chorgitters zu geben sei, lehnten die Katholischen ab. Der Chorraum gehöre den Katholiken allein, lautete der Einwand. Der Pfarrer könne bei Trauungen auf einem Tritt vor dem Chorgitter stehen. Der eingemachte Stuhl für den evangelischen Pfarrer blieb ebenfalls ohne Chance. Die Behauptung der Evangelischen, man habe ihnen die Erstellung eines Taufsteins versprochen, taxierten die Katholischen als «grundfalsch und erdichtet». Der Streit endete schliesslich vor dem toggenburgischen Landrat und vor weiteren Instanzen.

Auch Fürstabt Leodegar im Kloster St. Gallen hatte sich einst mit Streitereien aus Kirchberg zu befassen. So klagten die Katholischen bei ihm über die Psalmen, die die Evangelischen jeweils im Gottesdienst sangen. Deren Texte der Psalmen wurden gar als Hetze gegen die katholische Glaubenslehre verstanden.

Wunsch nach Eigenem

«Immer wieder haben nach schwierigen Zeiten die gegenseitige Achtung, der konfessionelle Friede und ein gutes Nebeneinander die Oberhand gewonnen», predigte Pfarrer Hans Walt am 26. September 1954, beim Abschiedsgottesdienst in der katholischen Kirche. Am gleichen Tag fand der Einzug in die neue evangelische Kirche statt. Deren Bau hatte weniger mit den Zerwürfnissen der Vergangenheit zu tun, als viel mehr mit dem Wunsch nach etwas Eigenem. «Es waren vor allem aus anderen Gemeinden zugewanderte Glaubensgenossen, die sich beengt fühlten ohne eine eigene evangelische Kirche», schreibt N. Feurer in seinem Buch. «Wer hier aufgewachsen und mit den örtlichen Verhältnissen von Jugend auf vertraut war und von nichts anderem wusste, spürte den Mangel einer eigenen Kirche viel weniger.»

Die Konfession als Dialekt

Heute zählt die Evangelische Kirchgemeinde Kirchberg – sie umfasst neben Kirchberg selbst auch die Dörfer Bazenheid und Gähwil – 1700 Mitglieder. Wie bereits früher sind viele von ihnen Zugezogene – auch der Pfarrer selbst. Jeremias Treu predigte sechs Jahre lang in der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Barcelona, bevor er vor einem Jahr die Pfarrstelle in Kirchberg antrat. «Eine eigene Kirche ist ein Ausdruck von Heimat», sagt Jeremias Treu. «Heimat bedeutet wiederum, eine religiöse Sprache zu haben, die sich etwa in Ritualen, Bildern und Vertrautem zeigt.» Die Evangelische Kirchgemeinde Kirchberg habe er als eine Gemeinschaft schätzen gelernt, die einerseits Traditionen lebe, andererseits aber auch neue Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien schaffe.

Der Wunsch, evangelische Spiritualität in eigenen Räumen zu leben, konnte 1954 erfüllt werden. Ob der Bau einer eigenen Kirche heute noch so selbstverständlich wäre, stellt Jeremias Treu in Frage. «Wir definieren uns nicht mehr über die Abgrenzung zur katholischen Kirche», sagt er. Hingegen spiele die konfessionelle Mehrsprachigkeit zunehmend eine Rolle. Eine Konfession sei wie ein Dialekt, erklärt er. «Es ist nicht wichtig, dass wir innerhalb einer Gemeinde alle den gleichen Dialekt reden, sondern dass wir uns als Christenmenschen verstehen und gegenseitig bereichern können.»

Die Ökumene sei in Kirchberg auf einem guten Weg, sagt Jeremias Treu. Das äussere sich auch in der Vielzahl der gemeinsamen Aktivitäten, welche die katholische und evangelische Kirche miteinander durchführen. Dies sei man den Menschen aber auch schuldig, fügt er an und verweist unter anderem auf die gemischtkonfessionellen Ehen.

Unter der ökumenischen Kanzel

«In einem andern Raume versammeln wir uns unter der Kanzel. Die Kirchtürme aber weisen beide zum gleichen Himmel», schrieb N. Feurer in seinem Buch, das 1955 erschien. Pfarrer Jeremias Treu kann sich vorstellen, dass sich die Christen hier irgendwann einmal – vielleicht in 100 Jahren – unter der Kanzel einer ökumenischen Kirche versammeln. Jeder mit seinem eigenen Dialekt.

Der evangelische Pfarrer Jeremias Treu ist im Archiv auf einen Zeitungsartikel über die Kircheneinweihung gestossen. (Bild: unknown)

Der evangelische Pfarrer Jeremias Treu ist im Archiv auf einen Zeitungsartikel über die Kircheneinweihung gestossen. (Bild: unknown)

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