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Der Schuhversteher aus Unterwasser

Vor über 70 Jahren hat Armin Näf seine Lehre als Schuhmacher begonnen. Der 85-Jährige ist noch heute täglich in der Werkstatt des Geschäfts in Unterwasser anzutreffen. Armin Näf über schlechtes Schuhwerk, prominente Kunden und seine geschnitzte Holzkuh.
Christiana Sutter
Ein kleiner Sennenschuh und der dazugehörige Leisten. (Bilder: Michel Canonica)

Ein kleiner Sennenschuh und der dazugehörige Leisten. (Bilder: Michel Canonica)

UNTERWASSER. Noch jeden Morgen geht Armin Näf um halb acht in die Werkstatt und ist dort bis zum Ladenschluss. Ruhig nimmt er eine kleine Kneippe, ein Messer ohne Schaft, zur Hand und schneidet ein kleines Stückchen Leder aus. «Das benötige ich später.» Armin Näf sagt aber nicht, wozu dieses kleine Stück Leder gehört. Er sitzt in seiner Werkstatt, gleich links, wenn man durch die Türe in den Laden des Schuhgeschäfts Näf im Sändli in Unterwasser eintritt – es riecht nach Leder und Leim. Versteckt hinter einem Gestell sitzt er mit seiner blauen Schürze, die Brille vorne auf der Nase, und schaut den Eintretenden neugierig an. «Wie kann ich helfen?» Er legt die Kneippe auf die Seite und blickt hinter dem Gestell hervor.

Seit 1952 ist er der Chef im Schuhgeschäft. Damals musste er als 21-Jähriger den Laden und die Werkstatt übernehmen, weil sein Vater im Alter von 53 Jahren gestorben ist. Erst kurz zuvor, 1949, hat Armin Näf die dreijährige Lehre abgeschlossen. Die Ausbildung hatte er am 1. April 1946 bei seinem Vater begonnen. «In die Berufsschule bin ich nach Wattwil gegangen. 30 Lehrlinge waren wir damals, heute sind es in der ganzen Schweiz gerade einmal 50 bis 60», sagt der 85-Jährige.

Schuhmacher in jedem Dorf

Eine andere Berufswahl gab es für Armin Näf nie. Er war ein kränkliches Kind und verbrachte viel Zeit bei seinem Vater in der Werkstatt. Schon früh hat er gelernt, wie man mit einer Kneippe, einer Lederschere, einer Zange oder einem Hammer umgeht. Dass sein Vater Schuhmacher und nicht Bauer wurde, hatte seinen Grund. Der Vater litt an Kinderlähmung. Aufgewachsen ist Armin Näf zusammen mit sieben Geschwistern im Sändli in Unterwasser. Für einen Bruder hat der junge Schumacher mit 14 Jahren in der siebten Klasse ein Paar Sennen-Halbschuhe geschustert.

Nach der Lehre arbeitete Armin Näf in Schaan und Hundwil. In Hundwil erhielt er 30 Franken Lohn pro Woche. «Ich musste jeden Tag ein Paar beschlagene Schuhe machen.» Er nimmt ein Paar alte Militärschuhe zur Hand: «Genau solche», sagt er nicht ohne Stolz. Er schaut auf seine rechte Hand und beginnt, mit den Fingern zu zählen. «In Wildhaus hatte es früher zwei, in Unterwasser vier und in Alt St. Johann drei Schumacher. Damals konnte man nicht einfach in einen Laden gehen und fertige Schuhe kaufen.»

Zuerst wurde der Fuss ausgemessen, dann der passende Leist ausgewählt, anschliessend das Leder zurechtgeschnitten und dann der Schaft genäht. Auch Skischuhe wurden im Hause Näf selber hergestellt, «dieselben wie Molitor in Wengen». Die Kunden kamen aus der ganzen Schweiz, «und sogar aus Mailand». Mit Bedauern sagt Armin Näf, dass er keine selbstgemachten Skischuhe mehr hat.

Er nimmt einen Winterstiefel zur Hand und zieht die Augenbrauen hoch. «Hier hat sich die Sohle gelöst, die kann ich ankleben.» Oft lohnt es sich aber nicht, Schuhe zu flicken. «Viele Leute kaufen heutzutage schlechtes Schuhwerk, die sind im Moment billiger, aber man kann sie nicht mehr flicken.»

Skifahren war im Leben von Armin Näf nie ein Thema. «Ich stand in meinem Leben noch nie auf Ski.» Das ist erstaunlich, denn er weiss genau, was zu tun ist, wenn ein Schuh drückt. Er kennt die Füsse seiner Kundschaft und begleitet sie oft von Kindesbeinen an bis ins Erwachsenenalter. «Wenn mir ein Schuh zum Flicken in die Werkstatt gebracht wird, sehe ich der Form an, wem sie gehören», sagt er verschmitzt.

Mit dem Sohn in Pension

Früher kamen die Kunden aus der ganzen Welt, um Ski- und Wanderschuhe im Schuhhaus Näf zu kaufen. «Aus Mexiko, Schweden, Frankreich und vielen anderen Ländern kamen Gäste zu uns, denn das Obertoggenburg war touristisch viel angesehener als heute.» Die Hotels im Dorf beherbergten während Wochen Gäste von überall her. Heute sind es hauptsächlich Leute aus dem Raum Winterthur, Frauenfeld und Schaffhausen – und diese kommen oft nur für einen Tag. Armin Näf konnte das damals wie heute nicht alles selber bewältigen. Ende der 50er-Jahre hat er seine Frau Käthy kennengelernt.

Die Erstfeldnerin arbeitete im Hotel Säntis in Unterwasser im Service. 1958 wurde geheiratet, und 1961 kam Sohn Robert auf die Welt. Von Beginn an werden im Schuhhaus Näf Lehrtöchter im Detailhandel ausgebildet. «Rund 50 Lehrtöchter sind es bis heute.» Aktuell arbeiten sechs Angestellte im Schuhhaus. Seine Frau ist schon länger verstorben. Armin Näf führt das Geschäft noch heute, als 85-Jähriger, zusammen mit seinem Sohn Robert, der 1983 ins Geschäft eingestiegen ist. «Ich will im Geschäft bleiben, bis ich hundert Jahre alt bin.» Dann kann er sich mit seinem Sohn pensionieren lassen.

Für Tüftler Walter Steiner

Er überlegt einen Moment und sagt: «In der Hochkonjunktur, in den 50er-, 60er- und Anfang der 70er-Jahre, verkaufte ich während des Tages im Geschäft Schuhe und in der Nacht wurde geflickt.» Ski und Bekleidung wurde nicht verkauft. «Wir hatten eine gute Zusammenarbeit mit dem lokalen Sportgeschäft.» Sport-Sutter verkaufte keine Schuhe, dafür alles andere, was zum Skifahren benötigt wurde. Vorbilder seien sie damals in der Schweizer Sportartikelbranche gewesen, «das gab es schweizweit nicht, dass zwei Spezialisten so gut zusammenarbeiteten.»

Auch Sportler waren mit ihren Fuss- und Schuh-Bobochen immer wieder zu Besuch in der kleinen Werkstatt im Sändli. Für den Wildhauser Skispringer Walter Steiner hat Armin Näf viele Anpassungen in den Skisprungschuhen gemacht. Walter Steiner war immer ein Tüftler, «und ich konnte seine Ideen umsetzen.» Näf sagt: «Böbi war vor jedem Wettkampf bei mir in der Werkstatt für letzte Anpassungen.»

Während der Siebzigerjahre waren auch Skifahrer aus dem Schweizer Europacup-Team Kunden beim Schuhversteher Näf. Ihr damaliger Trainer, der Oberegger Guido Geiger, wohnte zu der Zeit in Wildhaus. Geiger wusste vom Können des Unterwässler Schuhmachers. Der Skitrainer stellte bei einem Training auf dem Zermatter Gletscher Monte Rosa fest, dass viele seiner Athleten die Ski auf dem Schnee nicht flach gleiten lassen konnten. «Beispielsweise stand der Laaxer Conradin Cathomen total auf den Aussenkanten der Ski», sagt Guido Geiger.

Die Lösung war ein Canting, eine Schrägstellung des Skischuhschaftes. Die Schuhe mussten für jeden einzelnen Athleten gerichtet werden – und wer konnte das: der Schuhmacher Armin Näf.

Bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat er diese Arbeit ausgeführt, denn am nächsten Tag stand Wettkampf auf dem Programm. «Diese Schablonen habe ich heute noch in einem Kasten», erzählt Näf und zeigt in die Höhe. «Ich habe dann gehofft und die Daumen gedrückt, dass diese Schuhe nicht auseinanderfliegen», er lacht, «sie haben gehalten.»

Wenzel und Ammann

Auch die Liechtensteiner Skirennfahrerin Hanni Wenzel – die Mutter von Tina Weirather, der aktuellen Weltcupfahrerin – war während ihrer aktiven Skikarriere Kundin bei Armin Näf. Heute ist es noch der Unterwässler Skispringer Simon Ammann, der bei Armin Näf Hilfe und Rat sucht und ihn oft in der Schuhwerkstatt besucht. Skifahrer kommen heutzutage keine mehr, «denn die Skischuhfirmen haben ihre eigenen Schuhspezialisten für die Athleten.»

Er hält inne und nimmt eine geschnitzte Holzkuh in die Hand. «Diese habe ich 1949 für meinen dreijährigen Bruder geschnitzt.» Schnitzen ist eines der Hobbies, welches Armin Näf schon seit seiner Jugend betreibt. Heute sind im Geschäft mehrere geschnitzte Kunstwerke des Schuhmachers ausgestellt. «Früher habe ich alles von Hand geschnitzt, heute nehme ich dazu die Schuhmachermaschinen.» Ein weiteres Hobby ist das Pistolenschiessen, «und das noch aktiv». Bis vor einigen Jahren spielte Armin Näf auch noch den Bass in der Musikgesellschaft Alt St. Johann.

Der Schumacher legt die Holzkuh zur Seite. Er nimmt das eine der beiden kleinen Lederstücke zur Hand, welches er ausgeschnitten hat, und klebt es an ein kleines, geschnitztes Schweinchen. «Ich hatte heute Morgen <Verbärmscht> mit diesem kleinen Schwein, jetzt bekommt es noch Ohren.»

Abschleifen muss man, bevor eine neue Sohle an den Schuh kommt. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Abschleifen muss man, bevor eine neue Sohle an den Schuh kommt. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Nebst Leder der Stoff für die Schuhmacher: Leim. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Nebst Leder der Stoff für die Schuhmacher: Leim. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Armin Näf an der Schuhmachermaschine in seiner Werkstatt in Unterwasser. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Armin Näf an der Schuhmachermaschine in seiner Werkstatt in Unterwasser. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

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