Der Schrottregen

Brosmete

Martin Hüsler
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In den letzten Tagen bin ich nie ohne Schirm aus dem Haus gegangen. Der Grund dafür war nicht etwa das Wetter, sondern Tiangong-1, das chinesische Raumlabor, das seinen Dienst in den Weiten des Weltraums beendet hat und unkontrolliert auf die Erde zuraste. Ausgerechnet auf die Ostertage hin erwarteten die Fachleute den Aufprall auf unseren Planeten. Lange uneinig waren sie sich lediglich über die mögliche Absturzzone. In den Medien wurden die unterschiedlichsten Winkel der Erde genannt. Einmal war es das südliche Europa, das unter Umständen mit Schrottregen rechnen musste. Dann kam der Südatlantik vor der Küste Brasiliens ins Spekulationsspiel. Vom südlichen Atlantik verlagerten sich die vagen Prognosen in den südlichen Pazifik. Und immer hiess es, für den Menschen bestehe keinerlei Gefahr, denn die Wahrscheinlichkeit, von einem Trümmerteil erschlagen zu werden, sei geringer, als zweimal im gleichen Jahr vom Blitz getroffen zu werden. Weil ich den sogenannten Experten jeglicher Herkunft je länger desto weniger vertraue, hielt ich es für gescheiter, auf Nummer sicher und deshalb stets mit einer Schutzausstattung ins Freie zu gehen. Und sei es auch nur ein Schirm. Man weiss ja nie. Ein Niedergehen von Tiangong-1 auf meinen Wohnort Speicher wurde nämlich nirgends explizit ausgeschlossen. Und die Sache mit dem Verglühen von Einzelteilen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre schien mir doch auch mit gewissen Unsicherheitsfaktoren belastet zu sein. Seit Ostermontag besteht nun Klarheit. Die verbliebenen Partikel des Himmelspalastes, wie Tiangong-1 in deutscher Übersetzung heisst, stürzten in den südlichen Pazifik. Ich bin beruhigt. Und der Schirm bleibt jetzt wieder im Schirmständer.

Martin Hüsler