Der Richter zweifelt am Alibi

Ein im Kanton Bern lebender Nordafrikaner wurde vom Kreisgericht wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Verletzung des Betäubungsmittelgesetzes verurteilt. Es geht um einen Einbruchdiebstahl. Eine Verurteilung wegen Einbruchs war nicht möglich.

Martin Knoepfel
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LICHTENSTEIG. Sieben Personen fahren mit einem Lieferwagen in den ersten Stunden des 18. Februars 2011 vor. Ziel ist eine Scheune, in der Hanf lagert. Den ungebetenen Besuch erhalten zwei Bauern aus Kirchberg. So stellt es das Untersuchungsamt Gossau in der Anklageschrift dar. Gestern nachmittag befasst sich das Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig mit dem Fall.

Die Männer brechen in die Scheune ein und stehlen fünf Schachteln mit Hanfblüten und 250 getrocknete Hanfpflanzen, wohl in der Absicht, die Ware als Marihuana zu verkaufen. Panne Nummer eins: Der THC-Gehalt der Beute ist zwar höher als vom Gesetz erlaubt, aber zu tief, um berauschend zu wirken. Das beteuert der Bauer, der den Hanf gepflanzt hat, gegenüber dieser Zeitung. Panne Nummer zwei: Im Aargau läuft oder vielmehr fährt das Septett einer Patrouille des Grenzwachtkorps in die Arme. Die Grenzwächter erwischen einen der Männer und dessen Aussagen führen zu den anderen. Die sieben seien keine Asylbewerber, sagt der Mediensprecher der Staatsanwaltschaft.

Schuldsprüche gefordert

Sechs Männer sind wegen der Tat verurteilt worden. Ein Angeklagter, ein in Biel lebender Algerier, bestreitet, bei der Tat dabei gewesen zu sein. Vor dem Kreisgericht geht es nur um ihn. Eine geplante Konfrontation mit einem wegen der Tat verurteilten Tunesier fällt aus. Der Tunesier hat sich entschuldigt, da er wegen eines Todesfalls in der Familie in der Heimat weile.

Auch Vertreter der Staatsanwaltschaft sind nicht gekommen. In der Anklageschrift wird ein Schuldspruch wegen Verletzung des Betäubungsmittelgesetzes, Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung beantragt. Das Gericht solle eine Geldstrafe von 210 Tagessätzen à 70 Franken aussprechen. Die gesetzliche Obergrenze sind 360 Tagessätze. Eine Anklage wegen Diebstahls ist laut Staatsanwaltschaft unmöglich, da man Betäubungsmittel nicht legal besitzen kann.

Der Angeklagte ist verheiratet, Vater eines Sohnes und von Beruf Pizzaiolo. In der Befragung durch den Richter sagt er, er habe sechs Jahre Primarschule und eine Ausbildung in Präzisionsmechanik absolviert. Er lebt seit 2008 in der Schweiz. Seine Aussagen macht er über einen Dolmetscher. Zum Stand eines Strafverfahrens, das gegen ihn in Bern läuft, sagt er nichts.

Freispruch beantragt

Am 17. Februar 2011 habe er die theoretische Führerprüfung abgelegt und den Rest des Tages bei der Frau und dem wenige Tage alten Sohn verbracht. Warum drei der Täter ihn auf Fotos identifiziert hätten, sei ihm unerklärlich, sagt der Mann. In Kirchberg müsse jemand dabei gewesen sein, der ihm gleiche. Der Verteidiger hat einen Praktikanten, der mit der deutschen Sprache seine Mühe hat, nach Lichtensteig delegiert. Er beantragt einen Freispruch und eine Entschädigung für den Angeklagten. Die Anklage basiere auf Aussagen von Personen, die an einer Straftat beteiligt seien, sagt der Vertreter des Verteidigers. Die Fotoidentifikation sei zweifelhaft, denn einer der Verurteilten habe gesagt, sein Mandant sehe auf den Fotos jünger aus als in Wirklichkeit. Fingerabdrücke oder DNA-Spuren vom Tatort fehlten. In Handys von Mitangeklagten sei ein Mann mit fast dem gleichen Vornamen wie sein Mandant gespeichert, aber mit einer anderen Nummer, sagt der Vertreter des Verteidigers. Der müsse wohl am Vorfall beteiligt sein. Zur Tatzeit habe er wegen einer Schussverletzung im Bein Krücken benötigt, sagt der Angeklagte im Schlusswort.

«Ungünstige Prognose»

Der Richter spricht den Angeklagten dennoch in allen Punkten schuldig, reduziert aber die Geldstrafe wegen der «überzogenen Verfahrensdauer» auf 100 Tagessätze à 70 Franken. Wegen einschlägiger Vorstrafen sei die Prognose ungünstig, weshalb die Geldstrafe unbedingt sei, sagt der Richter. Der Algerier muss auch Verfahrenskosten von 4637 Franken bezahlen. Die Verfahrensdauer erklärt der Mediensprecher der Staatsanwaltschaft damit, dass ein Belastungszeuge polizeilich ausgeschrieben werden musste. Die Schadenersatzforderung von total 85 000 Franken müssen die Bauern auf dem Zivilweg geltend machen.

In der Urteilsbegründung sagt der Richter, er sei von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Es falle schwer, dem Angeklagten in bezug auf das Alibi zu glauben, da die Aussagen widersprüchlich seien. Vier Mitbeschuldigte hätten den Angeklagten unabhängig voneinander belastet. Zwei von ihnen hätten ihre Aussagen später zurückgezogen, unter seltsamen Umständen. Man müsse annehmen, dass sie beeinflusst worden seien, sagt der Einzelrichter. Der Vertreter des Verteidigers will sich nicht festlegen, ob er Berufung einreicht.

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