Der prüfende Blick

Brosmete

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Neben vielen Reiseeindrücken ist es auf einer Gruppenreise jeweils auch interessant festzustellen, wie andere Paare miteinander umgehen und auskommen. Wir hatten das Glück, in einer gut harmonierenden Gruppe dabeizusein, mit spannenden Begegnungen, anregenden Gesprächen und vielen humorvollen Sticheleien. Nach einem langen Reisetag trafen sich einige Nimmermüde noch zu einem Schlummertrunk. Beim Smalltalk war unter anderem zu erfahren, dass die meisten, der späten Ankunft wegen, nur kurz auf dem Zimmer waren und dann schnurstracks die Bar angesteuert hatten. Dass dabei je die Männer und die Frauen Seelenverwandtschaften entdeckten, ergab sich wie von selbst. Das Standardthema der Ehefrauen, dass Männer, so sie einmal einkaufen gehen, immer noch Dinge dazukaufen, die gar nicht auf dem Einkaufszettel stehen, gehörte ebenso dazu wie umgekehrt das Lamento der geplagten Ehemänner über das Warten, wenn bereits vor einer halben Stunde schon abgemacht war: «Wir gehen jetzt!»

Eine Mitreisende kam wenig später in die Runde und erwähnte nebenbei, sie hätte ihrem Mann nur noch schnell die Kleider für den nächsten Tag bereitgelegt. Diese Bemerkung weckte meine Bewunderung für ihren Ehemann und so fragte ich ihn, mit welcher Charmeoffensive er es schaffe, seine Frau dazu zu bringen, ihm die Kleider bereitzulegen. Mit Charme habe das nichts zu tun, es sei einfach so, dass er, wann immer er selber die Kleiderwahl treffe, denselben Kommentar hören müsse: «Aber so kannst du doch nicht unter die Leute!»

Ich selber bin offenbar schon eine Stufe weiter. Auf meine Frage am nächsten Morgen, ob meine Kleiderkombination passend sei, meinte die Liebste nach prüfendem, auf dem Hemd etwas länger verweilendem Blick: «Ja, schon, aber: Packst du den Koffer oder stopfst du ihn?»

Peter Abegglen