Der Phantasie folgen

Ungezügelte Phantasie zieht sich als roter Faden durch das Leben des Herisauers Fridolin Dagobert Schoch. Mit dem Zeichnen hat er im Kindesalter angefangen, heute studiert er an der Kunstakademie Düsseldorf und stellt in der Heimat aus.

Timo Züst
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Bild: TIMO ZÜST

Bild: TIMO ZÜST

HERISAU/ST. GALLEN. Das hellgraue Sofa passt kaum durch die schmale Holztür, die zum erstaunlich grossen Lagerraum des Kulturlokals Flon in St. Gallen führt. Fridolin Dagobert Schoch war kurz zuvor mit den Worten «Ich hol mir auch was zum Sitzen» verschwunden. Die Couch, auf die er sich nun mit einem zufriedenen Lächeln sinken lässt, passt zu ihm, dem jungen Künstler mit sprunghaften Gedanken und wilder Phantasie. Das helle Polster ist vermalt – mit blauen, roten und schwarzen Filzstiften «vertagt» –, ein Chaos, entstanden aus dem Drang vieler, sich zu verewigen. Dieses Verlangen verspürt auch der Herisauer Fridolin Schoch, teilweise so stark, dass es ihn in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Stütz- und Hausmauern aus Beton sind aber schon längst Skizzierheften, Leinwänden und Computerbildschirmen als Spielwiesen seiner Imagination gewichen. Neben seinem freien Kunststudium an der Kunstakademie Düsseldorf beteiligt er sich regelmässig an Projekten und Ausstellungen nahe seiner Heimat. Jüngstens waren dies «Kunstbaustelle» und «Junge Kunst» im «Flon», beides in St. Gallen. Auch im Alten Zeughaus in Herisau sind seine Werke häufige Gäste.

Vom Licht erzählen

Die Geschichte stammt von seiner Mutter; als kleiner Bub zeichnete Fridolin Schoch Bilder, fehlten ihm die Worte, sich zu erklären. «Seit ich einen Stift halten kann, zeichne und kritzle ich», sagt er. Auch heute, 23jährig, scheint er die Bilder den Worten vorzuziehen. Schwierig fällt es ihm, sein Werk, ein auf bunte Leinwand projiziertes Lichtspiel, zu beschreiben. Er hatte es kürzlich im Rahmen von «Junge Kunst» ausgestellt. Erst Stunden nach dem Porträtgespräch inmitten von Werkzeugen, Getränkedosen und Bierfässern erklärt er sich in einer Textnachricht: «Das Video erzählt die Geschichte von Licht, das durch eine Öffnung in den Raum fällt.» Abstrakte Kunst mag manch ein Betrachter denken, der Macher aber verneint. Da es seiner Meinung nach unmöglich ist, ein perfektes Abbild der Realität zu erschaffen, verlaufen die Grenzen

zwischen abstrakter und realitätsnaher Kunst nicht parallel, sondern kreuzen sich, verschwimmen gar. «Meine Arbeiten sind Interpretationen der Realität», sagt er. Eines dieser Werke ziert nun eine Betonmauer auf dem Firmengelände der Morant AG in St. Gallen. Das Projekt «Kunstbaustelle» war eine Idee des Inhabers Markus Morant; bei der Umsetzung tatkräftig zu Seite standen ihm Bildhauer Rolf Sprecher aus Gais und Sohn Samson. Das Werk von Fridolin Schoch zeigt eine märchenhafte Landschaft mit einem Bergsee, der bis über den Boden fliesst. Im Mittelpunkt ist eine blaue Sprechblase, gefüllt mit animalisch anmutenden Symbolen – ein Sprachrohr der Natur.

Hurra, die Schule brennt

Den Grossteil seiner kreativen Energie verwendet der junge Künstler auf die Malerei, doch scheint ihm das allein nicht zu genügen. Wie die Couch, sein Sitzplatz, auf der sich neben gemalten Motiven auch mit einem Feuerzeug eingebrannte Formen befinden, hat er in Düsseldorf begonnen, sein Spektrum zu erweitern. Er arbeitet nun auch mit Holz, Stein und anderen Materialien. Sogar am geschriebenen Wort hat Fridolin Schoch Gefallen gefunden, seit rund zwei Jahren schreibt er Gedichte (siehe Kasten). «Das Schreiben hilft, meine Gedanken zu bändigen», sagt er. Schon viel früher kam er mit einem anderen Medium in Kontakt, das ihm noch heute viel Freude bereitet: Filme. Er lächelt, als er von einem Projekt in der Sekundarschulzeit erzählt. «Damals haben ich und ein paar Freunde ein Video gemacht, in dem wir als Terroristen die Schule anzünden.» In welche Richtung sich sein Schaffen in Zukunft entwickeln wird, weiss er nicht. «Ich bin froh, dass mein Studium keine feste Richtung vorgibt», sagt er, lässt seinen Rücken in die Couchlehne sinken, und sein Blick wandert zur Decke.

Arbeiten von Fridolin Schoch werden an der abART-Ausstellung im Alten Zeughaus Herisau ausgestellt. Von 1. bis 12. Oktober, von 11 bis 20 Uhr geöffnet.