Der Niedergang

Appenzell Ausserrhoden war einmal ein stolzer Textilkanton. Mit der Verlagerung der Produktion der Eschler-Gruppe (s. Seite 28) ins Ausland geht ein weiteres Stück dieser Tradition verloren.

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BÜHLER. Dank der Textilindustrie zählte Appenzell Ausserrhoden zu den am frühesten industrialisierten Regionen in ganz Europa. Um 1800 war er der am dichtesten besiedelte Kanton der Schweiz. Wie im Buch «Leben im Appenzellerland» nachzulesen ist, gab es kaum ein Haus, in dem nicht gesponnen, gewoben oder gestickt wurde. Gleichzeitig mit der sich ausbreitenden Textilproduktion, die sich hauptsächlich auf Heimarbeit stützte, verloren die landwirtschaftlichen Tätigkeiten an Bedeutung. Appenzell Ausserrhoden wurde zu einer Region, in der fortan viele Kleinbauern lebten, die einem Nebenerwerb in der Textilherstellung nachgingen.

Um 1790 tauchte erstmals in der Ostschweiz englisches Baumwollgarn auf, das nicht mehr von Hand, sondern von Spinnmaschinen hergestellt wurde. Billiger, aber gleich fest und dennoch weicher und regelmässiger als das Handgarn, vermochte sich das Maschinengarn durchzusetzen. Bald wurden auch in St. Gallen und Herisau solche Spinnmaschinen eingeführt. In unserer Gegen entstanden die ersten Fabriken (Spinnereien) an Bächen und Flüssen.

Unheilvolle Entwicklung

Der Siegeszug der Stickerei begann in Ausserrhoden um 1856, als J. C. Altherr in Speicher die erste grössere Fabrik mit 20 Maschinen bauen liess. Diese Fabrik blieb nicht lange die einzige. Mit der stetig wachsenden Stickerei- Industrie nahm auch die Veredelungs- und Ausrüstungsindustrie einen bedeutenden Aufschwung. Im Jahre 1910 kam eine neue Erfindung zur Anwendung; eine technische Wundermaschine, die ohne Sticker schönste Stickereien herstellen konnte. Eine unheilvolle Entwicklung für unsere Gegend, denn damit begann die einträgliche Textilindustrie abzuwandern. Hinzu kam der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Nachfrage nach Stickereien und Plattstichwebartikeln brach zusammen; viele Menschen mussten sich nach einem neuen Beruf umsehen oder den Kanton verlassen. Von dieser grossen Krise Anfang des 20. Jahrhunderts vermochte sich die appenzellische Textilindustrie nicht mehr zu erholen. Die Liste der Firmen, die von der Bildfläche verschwunden sind, ist lang.

Einige trotzen der Krise

Dennoch ist die Textilindustrie in einzelnen Ausserrhoder Gemeinden bis heute erhalten geblieben: In Herisau etwa die AG Cilander. Sie geht auf eine Betriebsgründung von 1814 zurück, die von 1886–86 unter dem Namen Triebelhorn & Meyer firmierte. Weitere bekannte Firmen sind die Hermann Koller AG in Gais oder die Sefar AG in Heiden. Trotz der Schliessung der Produktion soll der Hauptsitz der Eschler Gruppe in Bühler verbleiben. Auch der Fortbestand des Technologie- und Innovationszentrums mit rund 15 Arbeitsplätzen ist vorgesehen (s. Seite 28). (pk)