Der Nationalgott hat ausgesungen

Achtung: Das ist heikles Terrain. Denn es geht um die Nationalhymne. Und «Nationalhymnen sind Träger und Mittel der geistigen Landesverteidigung», schreibt der Theologe Lukas Niederberger im Projekt «CHymne – Neue Nationalhymne».

Daniel Klingenberg
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Achtung: Das ist heikles Terrain. Denn es geht um die Nationalhymne. Und «Nationalhymnen sind Träger und Mittel der geistigen Landesverteidigung», schreibt der Theologe Lukas Niederberger im Projekt «CHymne – Neue Nationalhymne». Daraus folgt: Wer etwas gegen die Nationalhymne sagt, greift das Land an. Dann schlägt die Stunde des Empörungsbürgers. Denn wer die Schweiz in Frage stellt, rüttelt an der «Schweizer Qualität», die angeblich der liebe Gott geschaffen hat. Wenn es um Gott geht, ist sich jede Nation selbst die nächste. Es ist so: Auch in der säkularen Schweiz gibt es den Mix aus Politik und Religion. Aus der geistigen wird leicht eine geistliche Landesverteidigung. Die Nationalhymne ist ein Paradebeispiel. Der in der «Schweizerpsalm»-Entstehungszeit Mitte des 19. Jahrhunderts noch eindeutig männliche Herrgott schreitet durchs Schweizer Strahlenmeer, durch den Schweizer Alpenfirn, der sich wohl irgendwo zwischen Grindelwald und Wildhaus rötet. Theologisch ist die Nationalhymne ein zweifacher Sündenfall. Erstens macht sie Gott zu einem Mann, und zweitens zu einem Schweizer Nationalgott. Sie macht das Gegenteil dessen, was die Bibel will. Diese will, dass wir uns von Gott kein Bild machen. Und der Schweizergott gehört abgeschafft: «Viele Nationen werden sich aufmachen und sprechen: <Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berge Gottes>», schreibt der Prophet Jesaja. Kurt Marti, Pfarrer, Lyriker, Wahrheitssucher, sagte schon 1965: «Ich wäre der Meinung, dass sich unsere Kirche energisch gegen die Zumutung einer Landeshymne wehren müsste, die uns zwingt, verlogen von Gott zu singen.» Anderseits: Irgendwie hat es mich als früheren Armeeseelsorger nicht immer, aber immer wieder, eigenartig berührt, wenn ein ganzes Bataillon diese eingängige Melodie teils gesungen, teils gesummt hat. Und etwas in mir ist gekränkt, wenn die Fussballnationalspieler mit dem Schweizerkreuz auf dem Shirt ihre Lippen nicht oder kaum bewegen, während die Nationalhymne läuft. Natürlich kann ich selber auch nicht alle vier Strophen auswendig. Aber die erste schon. Die anderen stehen im Kirchengesangbuch. Ich will mich auch gar nicht rechtfertigen für diese Gefühle, denn sie zeigen eine alte Weisheit. In gemeinsamen Ritualen und in rituellen Texten, wie der Nationalhymne, steckt eine hohe Emotionalität, sie öffnet die Schleusen der Seele. Wir sind dann begeisterungsfähig, aber eben auch verführbar. Weil das so ist, kommt es drauf an, was gesungen und rituell begangen wird. Darum ist zu hoffen, dass im Projekt «CHymne» Texte eingereicht wurden, die diesbezüglich Verantwortung wahrnehmen. 208 Vorschläge für eine neue Nationalhymne sind eingegangen, Ende Jahr wird ein Siegerbeitrag gekürt.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die jetzige Landeshymne nie unbestritten war. Es gibt schon lange Ideen für eine neue Hymne. Auch «Alperose» von Polo Hofer gehört dazu. Von populären Melodien würde ich dann aber «Znüni näh» von Endo Anaconda bevorzugen. Nichts gegen Alpenrosen, aber die Rechthaberei und das aneinander Vorbeireden bei Anaconda spiegeln das hiesige Leben doch besser als die Bergschnulze. Aber der Song «Znüni näh» ist sowieso viel zu negativ. Und zudem: Ein bisschen Theologie muss sein am 1. August. Mir würde ein Ohrwurm mit Teilen der Präambel der Bundesverfassung reichen. Vorkommen müsste darin: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

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