Der Mitmeister

«Mein Grossvater war in der damals deutschen Stadt Breslau teil der Oppositionsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Die Gruppe flog auf, er wurde nach Auschwitz deportiert und starb im Konzentrationslager. Mein Vater war damals zwölf Jahre alt. Zu fliehen war keine Option.

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«Mein Grossvater war in der damals deutschen Stadt Breslau teil der Oppositionsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Die Gruppe flog auf, er wurde nach Auschwitz deportiert und starb im Konzentrationslager. Mein Vater war damals zwölf Jahre alt. Zu fliehen war keine Option. Breslau wurde Teil von Polen. Wir sprachen zu Hause immer noch deutsch. Mein Vater verdiente sein Geld als selbständiger Chemie-Ingenieur. Durch die Repressalien des Staates wurde unser Leben in den 1970er-Jahren immer unerträglicher. Meine Familie zog nach Rorschach, wo mein Vater in den Aluminiumwerken arbeitete.

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Ich war damals ein 22jähriger Student – neugierig und bereit für Veränderungen. Ich studierte in Konstanz Linguistik mit dem Schwerpunkt Slawistik und begann noch während dem Studium als Russisch-Lehrer an der Handels- und Dolmetscherschule in St. Gallen zu arbeiten. Nach dem Studium baute ich diese Tätigkeit aus, unterrichtete Deutsch als Fremdsprache und war 1984 Mitbegründer der St. Galler Journalistenschule. Als diese ihren Betrieb einstellte, suchte ich ein neues Engagement. Im damaligen Zentrum für Asylsuchende «Alpenblick» in Wienacht begann ich als Deutschlehrer zu arbeiten.

Ich unterrichtete Asylsuchende; vom Analphabeten bis zum Universitätsprofessor. Die Klientel reizte mich – menschlich und didaktisch. Die Faszination den Menschen und meiner Aufgabe gegenüber ist bis heute geblieben. Seit 21 Jahren arbeite ich nun im Asylwesen.

Zuerst als Deutschlehrer, später in der Sozialberatung, und heute betreue ich für die Ausserrhoder Gemeinden Speicher und Teufen rund 40 Personen, die im Asylverfahren stehen. Ich erfülle damit ein 70-Prozent-Pensum – und unterrichte daneben an der Handels-und Dolmetscherschule.

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Meine Aufgabe ist es nicht, Asylsuchende vollumfänglich in die Gesellschaft zu integrieren, sondern ihnen aufzuzeigen, wie sie ihren Alltag so selbständig wie möglich in den Griff bekommen. Was diese Menschen brauchen, um ihr Leben bei uns zu meistern? Sicher kein Goethe-Zertifikat in Deutsch, sondern rudimentäre Deutschkenntnisse, um sich zu verständigen. Wichtig ist, dass sie begreifen, wie Demokratie funktioniert – auch auf Gemeindeebene. Viele Asylsuchende stammen aus totalitären Staaten und sind sich gewohnt eine Art «stürmischen Anarchismus» zu leben: So lange es mir recht ist, ist es Recht. Für diese Menschen bin ich eine Art «Mitmeister». Ich zeige und erkläre ihnen, wie das Leben in unserer Gesellschaft funktioniert – vom Gebrauch eines Elektroherdes, über die Abfallentsorgung, das Benutzen des öffentliches Verkehrs bis hin zum Ausfüllen eines Einzahlungsscheines oder zum Funktionieren unseres Arbeitsrechtes. Für einen im Iran ausgebildeten Elektriker ist es schwer zu verstehen, warum er nicht als Fachpersonal in der Schweiz arbeiten darf. Und ein ehemaliger Kindersoldat, der weder schreiben noch lesen kann, ist mit der Gebrauchsanleitung von Staubsaugerbeuteln überfordert. Findet ein Asylsuchender eine Arbeitsstelle, berate ich ihn betreffend Arbeitsvertrag und seinen Rechten und Pflichten. Denn woher soll ein somalischer Bauer wissen, was AHV ist?

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In meiner Arbeit steckt viel Herzblut. Durch den oft über Jahre währenden Kontakt entsteht eine Beziehung zu diesen Menschen. Mit dem Schicksal der auf Asyl Wartenden identifiziere ich mich nicht. Abgrenzung ist Teil der Professionalität. Ich kann im Rahmen der Gesetze versuchen, diese Menschen zu unterstützen – nicht mehr und nicht weniger. Die Zahl der Asylsuchenden, die ich betreue, schwankt – es ist ein Kommen und Gehen. Asylsuchende werden abgelehnt, ihr Antrag gutgeheissen, sie heiraten oder wechseln die Gemeinde. Im Falle, dass sie in der Schweiz anerkannt werden, endet meine Arbeit – und sie beginnen ihre Leben alleine zu meistern.»

Witold Netter,

56 Jahre, Speicher

Notiert: Christa Wüthrich