Der mit der Bahn reist

Thomas Baumgartners Büro im Herisauer Hauptsitz der Appenzeller Bahnen wirkt nüchtern: Die Wände jungfräulich weiss, von Bildern keine Spur, einzig orange Sicherheitswesten sorgen für Farbtupfer. Die Einrichtung sagt aber wenig über seine Person oder seinen Führungsstil aus.

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Thomas Baumgartner ist seit dem 1. Juni neuer Direktor der Appenzeller Bahnen. (Bild: David Scarano)

Thomas Baumgartner ist seit dem 1. Juni neuer Direktor der Appenzeller Bahnen. (Bild: David Scarano)

Thomas Baumgartners Büro im Herisauer Hauptsitz der Appenzeller Bahnen wirkt nüchtern: Die Wände jungfräulich weiss, von Bildern keine Spur, einzig orange Sicherheitswesten sorgen für Farbtupfer. Die Einrichtung sagt aber wenig über seine Person oder seinen Führungsstil aus. «Emotionen sollen und dürfen Platz haben», sagt der 44-Jährige. Der Grund für die weissen Wände ist ein profaner: Er fand schlicht noch keine Zeit, das Büro einzurichten.

Seit Anfang Juni ist Thomas Baumgartner neuer Direktor der Appenzeller Bahnen. In den ersten Wochen war er viel unterwegs, um Mitarbeiter und Betrieb kennenzulernen – natürlich mit der Bahn. «Ich habe noch nie in meinem Leben ein Auto besessen. Ich benutze, wann immer es geht, den öffentlichen Verkehr», sagt er.

In St. Gallen aufgewachsen

Für seinen Arbeitsweg muss Thomas Baumgartner für einmal weder Bus noch Bahn nehmen. Das Velo reicht ihm. Seit dem Stellenantritt wohnt er in Herisau, weil er «dort leben will, wo das Unternehmen verwurzelt ist». Die Region kennt er bestens: Er ist in St. Gallen aufgewachsen, verliess die Geburtsstadt jedoch nach der Mittelschule. Der neue AB-Direktor gibt sich unsentimental, wenn es um die Rückkehr in die Ostschweiz geht. «Nicht das Heimkommen stand im Vordergrund, sondern die Herausforderung, so ein renommiertes, vielseitiges und lebendiges Unternehmen mit einer bekannten Marke zu führen», sagt er.

Stationen in Chur und Schwyz

Die ersten beruflichen Schritte unternahm Thomas Baumgartner im Bündnerland. Bei der Rhätischen Bahn absolvierte er die Betriebsdisponentenlehre, an der Churer Hochschule studierte er Betriebsökonomie. Danach wechselte er nach Schwyz in den öffentlichen Dienst. Nach sechs Jahren in der kantonalen Abteilung öffentlicher Verkehr übernahm er die Leitung der Auto AG Schwyz, des regionalen Schwyzer Busunternehmens. 2005 kehrte er zu seinen Wurzeln zurück und nahm in der Geschäftsleitung der Rhätischen Bahn Einsitz, in der er für den Betrieb zuständig war. Diesen Juni schloss sich der Kreis. Von all diesen Erfahrungen profitiert nun Thomas Baumgartner. «Ich habe beide Seiten kennengelernt, die des Bestellers und die des Anbieters», sagt er.

Durchmesserlinie im Fokus

Der Region Ostschweiz und den Appenzeller Bahnen attestiert Thomas Baumgartner grosses Potenzial. Er nennt dabei die Agglomeration St. Gallen und das über die Landesgrenze hinaus bekannte Naherholungsgebiet mit den beiden Appenzeller Kantonen. In seinen Überlegungen spielt die Durchmesserlinie (DML) eine wichtige Rolle, um der ständig wachsenden Bedeutung des öffentlichen Verkehrs gerecht zu werden. Seit dem Stellenantritt richtet sich sein Fokus auf das 90 Millionen teure «Jahrhundertprojekt». Dieses soll die Linien der Gaiser- und der Trogenerbahn in St. Gallen verbinden und damit unter anderem bessere Fahrpläne ermöglichen.

Die Durchmesserlinie nähert sich nun der entscheidenden politischen Phase. Im Herbst befinden das Ausserrhoder und das St. Galler Parlament über die Kantonsbeiträge, im Frühling 2013 in Innerrhoden die Landsgemeinde. Thomas Baumgartner gibt sich zurückhaltend: «Wir als Unternehmen weisen auf Bedeutung und Nutzen für Kunden sowie auf die Zukunft der AB hin. Die politischen Entscheide obliegen jedoch den zuständigen Behörden der drei Kantone.»

Rationalität überwiegt

Zurück zu den Emotionen: Dass die DML nicht bei allen Freude auslöst, das weiss Thomas Baumgartner. Nostalgiker rümpfen über das Ende des Zahnradabschnitts in der Ruckhalde die Nase. Der AB-Direktor hat Verständnis: «Die Bahnkultur lebt auch von der Geschichte. Diese gilt es mitzunehmen. Daher hat die AB verschiedene historische Angebote.» Trotzdem: Als Unternehmen müsse man sich ständig die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und der Zukunft stellen. Und deshalb ist die DML für ihn so zentral. «Wir können Effizienz und Produktivität steigern. Mehr Bahn für gleich viel Geld ist das Ziel. Der Kunde profitiert von komfortablerem Rollmaterial, der Einführung des Viertelstundentaktes und besseren Anschlüssen», sagt er. Bei der DML bleiben die Gefühle für einmal aussen vor.

David Scarano