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Der mit den Warzen spricht

Schon seit 35 Jahren bringt Jakob Bürki von der Alpsteinstrasse in Herisau erfolgreich Warzen zum Verschwinden. Dazu muss der Mondstand stimmen, es braucht einen geheimen Segensspruch, und eine Kartoffel spielt auch eine Rolle.
Monika Egli

herisau/oberegg. Kein Tag vergeht, ohne dass er nicht in den Appenzeller Kalender schauen würde. «Der ist für mich wichtiger als die Zeitung», sagt Jakob Bürki. Hier findet er die exakten Mondstände und damit die richtigen Tage zum Beispiel für das Mähen der Wiese, das Holzen, den Umgang mit seinen Tieren – und für das Vertreiben von Warzen. «Nie würde ich an anderen Tagen als den im Kalender angegebenen Warzen besprechen; es würde nicht klappen.» Konkret heisst das: Warzen behandelt er nur in der Zeit nach dem Vollmond, am liebsten so nahe an diesem wie möglich, und nur in den Zeichen des Krebses und Skorpions.

Aufgewachsen auf dem «Töni»

Jakob Bürki ist im Restaurant Wilder Mann auf dem St. Anton aufgewachsen. Nach der Heirat lebte er mit seiner Frau Brigitta noch einige Jahre auf Blatten, Oberegg. Vor nunmehr 27 Jahren zogen Jakob und Brigitta Bürki um nach Herisau. Bis 1999 arbeitete er als Melker im Kreckel. Seither nun wohnen Bürkis an der Alpsteinstrasse im eigenen «Höckli», das dank seiner Blumenpracht nicht zu übersehen ist. Dass auf den Fensterbänken üppige Geranien stehen und in Kübeln riesige Fuchsien blühen, die Stämme wie richtige Prügel haben und schon viele Jahre alt sind, hat denn wohl auch mit dem Appenzeller Kalender respektive der Behandlung nach dem richtigen Mondstand zu tun…

Mit direktem…

Das Vertreiben von Warzen und von Ekzemen beherrscht Jakob Bürki schon lange: seit rund 35 Jahren. Damals erhielt er das Geheimnis von einem Bekannten. Ein alter Bauer aus seinem Dorf weihte ihn zusätzlich in das Stillen von Blut ein. Seine Kundschaft ist während der Jahre über Mund-zu-Mund-Werbung stetig gewachsen. Auch gibt und gab es Fusspflegerinnen, die ihre Kundschaft bei Bedarf direkt zu Jakob Bürki schicken. Da es mitunter einige Wochen dauern kann, bis alle Himmelszeichen wieder stimmen, sitzen in seiner Stube nicht selten bis zu einem Dutzend Personen, die behandelt werden wollen. Der bald 60jährige Jakob Bürki ist noch nicht pensioniert; er betreibt das Warzen-Vertreiben und Blut-Stillen deshalb wie ein Hobby und muss während der kurzen stimmigen Zeit möglichst alle Interessenten während eines engen Zeitraums behandeln.

Um Warzen oder Ekzeme zum Verschwinden zu bringen, ist der direkte Kontakt zum «Patienten» unabdingbar. Jakob Bürki «bespricht» die Warze. Was genau er dabei sagt, lässt er sich natürlich nicht entlocken. Nur so viel: Es ist ein religiöser Spruch. Im weiteren ist auch eine Kartoffel oder ein Apfel Gegenstand des Rituals. «Die Kartoffel darf aber auf keinen Fall keimen, und der Apfel muss absolut gesund sein», wie er betont. Apfel oder Kartoffel («es geht sogar mit einer Birne») werden anschliessend vergraben. Rund ums Haus, erzählt Brigitta Bürki, seien zahlreiche Kartoffeln und Äpfel in der Erde am Verrotten. Anschliessend dauert es ungefähr zwei Monate, bis die Warze verschwunden ist. «Am besten, man ignoriert sie – plötzlich sind sie weg.» Dieses Ritual wendet Jakob Bürki nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren an.

…und ohne direkten Kontakt

Anders ist es mit dem Blut-Stillen. Wenn Jakob Bürki – beispielsweise telefonisch – den Namen des Patienten und den betroffenen Körperteil oder das betroffene Organ erfährt, genügt das, um zu verhindern, dass zu viel Blut fliesst. So sind es immer wieder Personen, die kurz vor einer Operation stehen und ihn bitten, auf ihr Blut zu achten. Oder wie damals, als der Zahnarzt seiner Frau mit dem Bohrer ausrutschte und ihre Zunge traf, was eine äusserst stark blutende Wunde verursachte. Jakob Bürki sass derweil im Wartezimmer; sobald er von diesem Missgeschick wusste und sein Blut-Still-Ritual anwendete, hörte es bei seiner Frau in der gleichen Sekunde auf zu fliessen. Nur eines schafft er nicht: Eine Warze seiner Frau widersetzt sich bisher allen seinen Bemühungen – Jakob Bürki weiss auch nicht, warum.

«Man sollte kein Geld nehmen»

Eine Behandlung bei ihm an der Alpsteinstrasse kostet – nichts! «Man sollte dafür kein Geld verlangen», sagt er einzig dazu. Man könne ihm ein «Schöggeli» oder Guezli geben, wenn man wolle. So liegen denn immer wieder einmal Süssigkeiten mit Dankeszetteli im Milchkasten. Nur wenn er zu Tieren gerufen werde, nehme er etwas für die Spesen, aber ohne einen exakten Betrag zu nennen. Über Erfolge und allfällige Misserfolge führt er nicht Buch, und nicht alle Kunden rufen an, um mitzuteilen, ob das Besprechen genützt hat. Trotzdem gibt es zahlreiche positive Rückmeldungen, und die vielen Kundinnen und Kunden sprechen ebenfalls dafür, dass man von Jakob Bürki viel Gutes hört.

Er hat bisher nur seine Tochter in das Vorgehen eingeweiht. Sie ihrerseits betreibt das Warzenbesprechen nicht so fleissig wie der Vater, sondern wendet es vor allem bei Kindern an. So ist denn auch das Gerücht widerlegt, dass man die Fähigkeit verliere, wenn man das Geheimnis weitergebe. Ob es zum Warzen-Vertreiben eine besondere Begabung braucht oder ob das einfach jeder könne, der den Segensspruch und das Ritual kennt, weiss er auch nicht genau. Aber «Wasser schmöcken» beispielsweise könne er nicht. Vielleicht habe es also doch mit Begabung zu tun. Sich selber übrigens behandelt Jakob Bürki nicht.

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