Der Lichtensteiger Tigist Solomon

LICHTENSTEIG. Referenten von CVP und SP beleuchteten in Lichtensteig das Schweizer Asylwesen mit Blick auf alle drei Staatsebenen. Ob kommunal, kantonal oder national: Von einem Chaos kann nicht die Rede sein.

Serge Hediger
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Das Podium mit Stadtpräsident Mathias Müller (von links), SP-Regierungsrat Fredy Fässler und CVP-Ständerat Stefan Engler (GR). (Bild: Serge Hediger)

Das Podium mit Stadtpräsident Mathias Müller (von links), SP-Regierungsrat Fredy Fässler und CVP-Ständerat Stefan Engler (GR). (Bild: Serge Hediger)

Sein Name sei Tigist Solomon. Sein Alter: 26 Jahre. Herkunft: Eritrea. Eintritt in die Schweiz: April 2013. Heute wohnhaft: Lichtensteig. Er ist eine fiktive Person, aber repräsentativ für die Lage, wie sie sich den Gemeinden des Kantons präsentiert. Der Lichtensteiger Stadtammann Mathias Müller hat die Figur geschaffen, um im Rahmen des Vortrags- und Diskussionsmorgens zum Thema «Asylchaos oder alles im Griff?» das Asylwesen aus der Sicht einer Toggenburger Gemeinde zu erläutern.

Organisiert von der CVP Lichtensteig unter Präsident Sepp Bernet und moderiert von Guido Müller kamen am vergangenen Samstagmorgen kompetente Referenten in den «Krone»-Saal, um aus allen drei Staatsebenen Fakten zu den Herausforderungen um die unvermindert in die Schweiz strömenden Flüchtlinge zusammenzutragen. Unter den Gästen waren die Kantonsräte Andreas Widmer und Pius Bürge, zahlreiche Kantonsratskandidaten sowie Regierungsratskandidat Bruno Damann.

Sog unbekannten Ausmasses

Aus Bundessicht referierte der Bündner CVP-Ständerat Stefan Engler über die geopolitischen Umstände und nationalen Folgen. Zwei Beispiele: Betrug die Schutzquote 2013 noch 14,3 Prozent, so liegt sie jetzt bei 53 Prozent. Das heisst: Jeder zweite erhielt Schutz im Asylverfahren. Und: 1,4 Millionen Asylgesuche wurden letztes Jahr in der EU gestellt, fast 40 000 in der Schweiz.

Doch gewaltig viele Menschen sind noch unterwegs und warten – 633 000 in Jordanien, eine Million in Libanon, 250 000 in Irak. Stefan Engler: «Es ist ein Sog im Entstehen, von dem niemand weiss, wie er sich entwickelt.»

SP-Regierungsrat Fredy Fässler erläuterte das Verfahren aus kantonaler Sicht. Der Kanton St. Gallen übernimmt seiner Bevölkerungszahl entsprechend 5,4 Prozent der Asylbewerber. Über die Ostgrenze der Schweiz kamen im vergangenen Jahr an Spitzentagen bis zu 150 Asylbewerber in den Kanton. An einem einzigen Wochenende hatte München 20 000 Flüchtlinge zu versorgen, und Fässler fragte rhetorisch: Was, wenn diese dereinst nicht nach rechts abbiegen, sondern geradeaus in die Schweiz fahren? Ein Notfallkonzept, so die Antwort, sei ausgearbeitet.

Leben aus der Brockenstube

Im Oktober 2013 reist Tigist Solomon mit dem Zug vom Asylzentrum Bommerstein am Walensee nach Lichtensteig, wohin er zugeteilt wurde. 16 Personen muss die Gemeinde aufnehmen, zwölf leben hier. Die Leiterin des Sozialamts holt ihn ab, nimmt Solomons Daten auf und führt ein Erstgespräch. Dann bezieht er die Wohnung, in der Steigrüti vielleicht oder an der Löwengasse. Günstig sind sowohl Wohnraum wie auch Einrichtung, erworben für 700 Franken – inklusive Möbeln, Pfannen und Besteck – als Gesamtpaket in der Brockenstube. Gesittet und reibungslos erfolgte jeweils die Zuweisung, betonte Mathias Müller: «Allerdings wird es immer schwieriger, geeigneten Wohnraum zu finden. Doch auch das sind wir Gemeinden gewohnt.» Jetzt beginnt für Tigist Solomon das Warten. Hin und wieder sind Gespräche nötig, müssen das Funktionieren technischer Geräte oder der Inhalt behördlicher Schreiben erklärt werden, oder muss Reklamationen wegen Lärms nachgegangen werden. Solomon wird verwarnt, beim zweitenmal würden ihm finanzielle Sanktionen angedroht.

450 Franken erhält Tigist Solomon monatlich, Wohnung und Krankenversicherung sind bezahlt. 211 000 Franken oder sieben Steuerprozente wandte Lichtensteig 2015 für Asylbewerber auf; die Rückerstattung durch den Bund (186 000 Franken) deckt nicht alle Kosten.

Schulstoff Pünktlichkeit

Im Oktober 2014 erhält Tigist Solomon den Status eines vorläufig aufgenommenen Flüchtlings mit Bewilligung F. Die monatliche Zuwendung beträgt nun 977 Franken. Für seine Integration auf sozialer, kultureller und beruflicher Ebene richtet der Bund pauschal 6000 Franken aus. In seiner Heimat besuchte Solomon die Schule während vier Jahren. Zehn Jahre lang arbeitete er in der Landwirtschaft. Sein Alphabetisierungsgrad ist sehr schlecht. Und seine Vorstellungen über seine beruflichen Chancen sind illusionär.

Nach der sogenannten Regionalen Potenzialabklärung in Wattwil nimmt Tigist Solomon täglich Deutschkurse in Jona. Er wird in zuverlässiger Arbeitsweise angelernt, ihm wird schweizerische Arbeitskultur vermittelt. Lehrinhalt ist beispielsweise Pünktlichkeit.

Tigist Solomon erhält ein dreimonatiges Praktikum in einem Holzbaubetrieb. Endlich, möchte man meinen. Zu früh: Sein Deutsch reicht nicht aus für den Arbeitsversuch. Abbruch, erneuter Einsatz in geschütztem Umfeld.

Stadtpräsident Müllers Fazit

«Das grösste Problem bei der Integration», zog Mathias Müller Bilanz, «sind die immer geringer werdenden Arbeitsplätze für Menschen mit niedriger Ausbildung.» Dennoch lohne sich Integration besonders für junge Menschen und sei die Solidarität unter den Arbeitgebern vorhanden. «Ob Zuweisung, Betreuung bis zum Asylentscheid oder Integration: In den Gemeinden herrscht kein Chaos; alles verläuft geordnet.» Die Asylverfahren müssten aber schneller durchgeführt, die Integrationspauschalen erhöht und Arbeitsplätze für Personen mit wenig Qualifikationen erhalten und gefördert werden. Tigist Solomon ist eine Kunstfigur. In der Sprache Eritreas stehen die beiden Worte für Geduld und Weisheit – und in den Ausführungen Mathias Müllers für die Voraussetzung gelingender Integration.

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