Der Lebensbaum

Wenige Zeichen sind einfacher als ein Kreuz: Zwei Striche oder zwei Balken, die meist rechtwinklig übereinander gelegt sind. Und doch bekommt dieses Zeichen in verschiedenen Kulturen eine ganz besondere Bedeutung.

Albert Kappenthuler Pfarreibeauftragter Heiden
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Ölbild von Martina Fornito: «Jesus fällt das dritte Mal.» (Bild: pd)

Ölbild von Martina Fornito: «Jesus fällt das dritte Mal.» (Bild: pd)

Wenige Zeichen sind einfacher als ein Kreuz: Zwei Striche oder zwei Balken, die meist rechtwinklig übereinander gelegt sind. Und doch bekommt dieses Zeichen in verschiedenen Kulturen eine ganz besondere Bedeutung. Für das Christentum wurde das Kreuz zum Erkennungszeichen, als Erinnerung an den gewaltsamen Tod Jesu. Ein Blick in unsere Kirchen und Wohnungen zeigt unterschiedliche Darstellungen und Interpretationen des Kreuzes. So manch kunstvolle Schnitzerei zeigt in bedrückender Echtheit den Schmerz und das Leiden. In evangelischen Kirchen finden wir meist nur ein schlichtes Holzkreuz, zwei Balken, von denen der vertikale Himmel und Erde verbindet, der horizontale die Menschen und alle Geschöpfe untereinander. Eine andere Darstellung, die mich schon immer sehr angesprochen hat, zeigt am Kreuz nicht den leidenden, sondern den auferstandenen Christus, mit erhobenen Armen verkündet er den Sieg des Lebens über den Tod.

Der Kreuzweg

In der Karwoche haben wir in der katholischen Kirche Heiden einen Kreuzweg meditiert, Ölbilder von Martina Fornito. Meine Gedanken blieben an der neunten Station hängen: «Jesus fällt das dritte Mal durch die Last des Kreuzes.» Christus umarmt das Kreuz, aus dem – in lebendigem Grün – Ähren wachsen. Das ist nicht mehr das drückende und erdrückende Kreuz, das den Menschen auf den Boden zwingt, das ist das angenommene Kreuz, das zur Quelle neuen Lebens wird. Das Kreuz wird zum Lebensbaum. Es gibt viele Kreuze, viel Leid in dieser Welt, das zu verhindern ist. Gegen vermeidbares Leid gibt es nur eine Antwort: Widerstand mit allen Kräften. Es gibt aber auch das unvermeidliche, oft völlig unverständliche Leid. Wenn wir uns gegen das Unausweichliche wehren, wird das Kreuz noch schwerer. Eine grosse Trauer, eine schwere Trennung, eine Behinderung und nicht zuletzt eine tödliche Krankheit, das sind Kreuze, vor denen wir nicht fliehen können. Wer ein solches Kreuz zu tragen hat und es umarmen kann, wer ja sagen kann zu einem solchen Kreuz, gewinnt für sich und für die Mitmenschen neues Leben.

Das Brot des Lebens

Das Bild von Martina Fornito zeigt noch mehr: Dort, wo sich die beiden Kreuzesbalken schneiden, strahlt – wie in einer Monstranz – die Hostie, das Brot des Lebens. Es gibt zwei Balken: Der irdische, horizontale ermutigt uns, mit aller Kraft Leid und Ungerechtigkeit in der Welt zu verhindern. Der vertikale Balken trägt auch dann, wenn wir nach menschlichem Ermessen mit unseren Kräften am Ende sind. In dieser Kreuzung teilen wir göttliches und irdisches Leben. Das Kreuz wird zur Quelle des Lebens, auf den Karfreitag folgt Ostern, das Fest der Auferstehung. Wir feiern unsere Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode, die Auferstehung der Toten. Wir feiern aber auch die Auferstehung mitten im Leben: Menschen stehen auf, nachdem sie ganz am Boden waren, nachdem sie jede Hoffnung verloren hatten. Menschen stehen auf, nachdem sie einsam und verlassen waren. Reden wir an Ostern nicht nur von der Auferstehung der Toten, glauben wir auch an die Auferstehung der Lebenden.