Der Lauf der Welt

Was wäre, dachte Valerie, in einem Strassencafé sitzend, wenn ich an jenem Tag vor siebzehn Jahren zwei Minuten früher um die Ecke gebogen wäre? Wäre mein ganzes Leben anders verlaufen? Sie liebte solche Gedankenspiele, obwohl sie ihr keine schlüssigen Antworten lieferten.

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Was wäre, dachte Valerie, in einem Strassencafé sitzend, wenn ich an jenem Tag vor siebzehn Jahren zwei Minuten früher um die Ecke gebogen wäre? Wäre mein ganzes Leben anders verlaufen? Sie liebte solche Gedankenspiele, obwohl sie ihr keine schlüssigen Antworten lieferten. Aber sich die buntesten Varianten eines möglichen Lebensverlaufs auszumalen, gefiel ihr.

Wenn sie sich also an jenem Tag anders verhalten oder entschieden hätte, so hätte dies bestimmt auch noch auf mindestens einen anderen Menschen Einfluss gehabt, sinnierte sie weiter, und dessen anderes Verhalten wiederum auf den nächsten und so weiter. Wäre am Ende die ganze Welt jetzt anders? Die Vorstellung, durch ihr Handeln den Lauf der Welt bestimmen zu können, stimmte sie übermütig.

Doch stellen wir es uns einfach einmal vor: Valerie wäre also an jenem Tag zwei Minuten früher um die Ecke gebogen. Nun wäre sie nicht mit Frédéric zusammengestossen, der beim Aufprall seinen Wohnungsschlüssel verlor. Er hätte nicht bei seiner Nachbarin Sonja klingeln müssen, wodurch diese ihr Telefongespräch mit ihrer Freundin Denise nicht so abrupt beendet hätte. Denise hätte ihre Wohnung erst etwas später verlassen und vermutlich noch bemerkt, dass das Türchen des Vogelkäfigs offenstand.

Charly wäre nicht davongeflogen, und Denise hätte nicht in der ganzen Nachbarschaft Fotos ihres vermissten Papageis aufgehängt. Der kleine Tobias hätte also kein «Vermisst»-Plakat mit nach Hause genommen, um in seinem Zimmer den Papagei abzuzeichnen. Nun wäre seine Mutter gar nicht auf die Idee gekommen, mit ihm am Nachmittag den Zoo zu besuchen, wo sie sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände den Fuss brach. Sie hätte Robert, der als Pfleger im Spital arbeitete, nie kennengelernt, was...

In diesem Augenblick fragte ein Herr Valerie, ob an ihrem Tischchen noch ein freier Platz sei. Sie überlegte kurz und sagte «Ja». Die beiden kamen dadurch ins Gespräch – und das Leben nahm seinen Lauf.

Claudia Vamvas-Badertscher

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