Der lange Weg zur Viehschau

Gustav Schmid präsentiert seine Kühe regelmässig an der Viehschau Urnäsch. Für den perfekten Auftritt muss die Vorbereitung stimmen. Nebst der Arbeit, die über das ganze Jahr verrichtet wird, braucht es ein gutes Finish. Dafür steht Gustav Schmid um vier Uhr auf und greift auch zur Schere.

Timo Züst
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HERISAU. Es ist 4.15 Uhr am Morgen der Urnäscher Viehschau vom Donnerstag. Landwirt Gustav Schmid steht in seinem Milchraum, er reibt sich noch den letzten Rest Schlaf aus den Augen, hat aber bereits einen festen Händedruck. «Etwas früh ist es schon», sagt er, straft seine Worte aber sogleich Lügen, als er unvermittelt mit der Arbeit beginnt. Von Müdigkeit ist nichts zu spüren, während er durch den Stall marschiert und sich jeder Arbeit annimmt, die unverfroren genug ist, seinen Weg zu kreuzen.

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Auch die eigentlichen Hauptdarstellerinnen, seine Kühe, sind die frühe Stunde nicht gewohnt. Es sind einige aufmunternde Klapse von Gustav Schmid nötig, bis auch die letzten tierischen Morgenmuffel auf ihren Klauen stehen. Üblicherweise halte sich der Appetit der Wiederkäuer um diese Tageszeit in Grenzen, doch der Bauer hat vorgesorgt. «Sie haben gestern abend etwas weniger bekommen», erklärt er. Das Fressen beginnt um 4.40 Uhr, und ganz offensichtlich geht der Plan des Landwirts auf.

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Die Umstellung des Futter-Rhythmus bereitet dem erfahrenen Gustav Schmid keine Sorgen: «Sie können sich ja jetzt den Bauch mit Reserven vollschlagen.» Heikler sei der lange Abstand zwischen dem morgendlichen und abendlichen Melken. Die erste Kuh wird um 5.10 Uhr gemolken. Bis sie von der Viehschau zurück ist, kann es durchaus 17.00 Uhr werden. «Die Damen halten das aber aus», sagt Gustav Schmid, während er fürsorglich das Euter eines seiner Schützlinge tätschelt.

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Beim Beobachten des quirligen Gustav Schmid wird schnell klar: An Arbeit mangelt es hier im Stall nicht. Die helfenden Hände seiner vier Söhne sind daher sehr willkommen. Als erster packt Andreas, der Zweitälteste, mit an. Kurz darauf sind auch seine drei Brüder, Christian, Werner und Ueli, im Stall. Die Frau von Gustav Schmid, Rosmarie, bereitet derweil das Frühstück zu. Das Melken geht rassig heute morgen, meint der Landwirt. Schon kurz nach 6.30 Uhr sind wir mit vier gefüllten Tansen im Kofferraum unterwegs zur Urnäscher Milchspezialitäten AG.

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Noch herrscht keine Hektik, noch ist Zeit. Für Pausen fehlt diese aber offensichtlich: Die fünf Schmids haben alle Hände voll zu tun. Schon am Vorabend wurden die Kühe geputzt: «Mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt», sagt der Landwirt. Doch über Nacht lag so manches Hinterteil nicht nur auf Stroh. Ab 7.15 Uhr bis zum Morgenessen wird den Kühen nun der letzte Schliff verpasst. Zum Einsatz kommen verschiedene Bürsten, Schwämme, Besen und auch eine Schere. «Hab ich doch gestern glatt vergessen», murmelt Gustav Schmid als er – einem Coiffeur gleich – das Fell seiner Kühe auf deren Rücken stutzt.

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Auf dem Tisch in der Stube stehen eine reiche Fleischplatte, frisches Brot, Käse und mehrere Mocken Butter. Rosmarie Schmid schenkt Kaffee nach und kümmert sich um die Wünsche der Nachwuchs-Bauern, die es nach heisser Ovomaltine und Joghurt gelüstet. Die Arbeitskleidung haben Gustav Schmid und seine Söhne mit der Tracht getauscht. Bald kann es losgehen.

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Der letzte Programmpunkt vor dem Marsch findet draussen statt: Die fünf Bauern zäuerlen. Nach dem letzten Jauchzer werden die Kühe gerufen. Christian Schmid steht als «Gelbhösler» bereit, den Tross anzuführen. Schliesslich, um 8.30 Uhr, verlassen Kühe, Bauern und Bäuerin den Hof in Richtung Viehschau Urnäsch.