Der Krebs hat ihre Kunst verändert

Bis 2017 war Nicole Tolles Galerie in Rehetobel ausgebucht. Doch so lange hätte die Künstlerin Regula Baudenbacher vielleicht nicht warten können. Sie hat unheilbaren Brustkrebs. Noch bis 3. Dezember stellt sie nun ihre Kunst aus Papier in der Galerie Tolle – Art und Weise aus.

Chris Gilb
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Regula Baudenbacher sitzt bei einer ihrer Kunstinstallationen. Der Name der Installation ist «wertvoll, wertlos». «Ein bisschen Goldstaub macht für viele schon den Unterschied.» (Bild: cg)

Regula Baudenbacher sitzt bei einer ihrer Kunstinstallationen. Der Name der Installation ist «wertvoll, wertlos». «Ein bisschen Goldstaub macht für viele schon den Unterschied.» (Bild: cg)

REHETOBEL. Kurz bevor die Heidlerin Regula Baudenbacher die Diagnose erhielt, war sie wieder einmal in Bali. In einem der ostasiatischen Länder, in denen sie sich in den letzten Jahren immer wieder mit der Kunst des Papierschöpfens, der fernöstlichen Philosophie und Kultur auseinandersetzte. Sie nahm dort mit einem Taxifahrer an der Feuerbestattung seines Onkels teil. Die Knochen werden dabei in einer aufwendigen Zeremonie verbrannt. «Ein eindrückliches Erlebnis», erinnert sich Baudenbacher. Während des gleichen Aufenthalts in Bali besuchte sie auch ein Seminar mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Es ging um das Thema «Begegnung mit den eigenen Ängsten». «Wir haben festgestellt, dass wir alle unter den gleichen Ängsten litten, unabhängig der Hautfarbe oder Persönlichkeit. Es sind strukturelle Ängste.» Die Knochen seines toten Onkels hätten den Taxifahrer in diesen Ängsten eingesperrt, mit dem Ritual der Verbrennung der Knochen sei diese Struktur gelöst worden. Schon in Bali habe sie die Knoten unter ihrer Haut gespürt. Dann in der Schweiz erhielt Baudenbacher die medizinische Erklärung dafür: Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. «Im Gespräch mit meiner Ärztin haben wir uns darüber unterhalten, was gewesen wäre, wenn die Diagnose früher gestellt worden wäre. Wir fragten uns, ob ich dann all die intensiven Reisen noch gewagt hätte. Die Antwort ist: Wahrscheinlich nicht.»

Die Metastasen bleiben

Den Tumor konnte die heute 73-Jährige zwischenzeitlich entfernen lassen, die Metastasen aber bleiben und setzen ihrem Körper weiter zu. Seit einiger Zeit gehe es ihr wieder etwas besser, trotz zweier schwerer Jahre mit einigen Operationen. Als sie nach dieser Zeit, in der sie zeitweise im Rollstuhl sitzen musste, zum ersten Mal wieder richtig habe Papier schöpfen können, sei dies eine wundervolle Erfahrung gewesen. Statt die Physiotherapie zu besuchen, habe sie ihren Körper durch diese intensive Arbeit mit der Hand wieder aktiviert. Ihre Kunst hat sich seit der Diagnose verändert, analog zu ihrem Leben. «Beides ist fokussierter, so ist auch mein Lebensrhythmus bedächtiger geworden und meine Wertvorstellungen haben sich gewandelt. Klassische Musik und das Wirken im eigenen Atelier, Haus und Garten geben der Künstlerin Zufriedenheit. Zeit zu haben, nennt sie ihren Luxus. Die Menschen würden sie oftmals erstaunt darauf ansprechen, wie gut sie, trotz ihrer Situation, noch aussehe. «Mir geht es im Moment gut, doch die intensiven Therapien setzen mir zu, so habe ich etwa zeitweise meinen Geschmackssinn verloren. Ich konnte das schönste Filet kaufen und hatte keinen Appetit mehr darauf», sagt Baudenbacher. Alle vier Wochen habe sie zur Überwachung der Therapien einen medizinischen Kontrolltermin. «Natürlich haben diese Ergebnisse einen Einfluss auf meinen Gemütszustand.»

Auch ihre neue Ausstellung trage dazu bei, wie wohl sie sich momentan fühle. Seit letzter Woche stellt Baudenbacher in der Galerie Tolle – Art und Weise in Rehetobel aus und hat dabei das ganze obere Stockwerk zur Verfügung. Künstlerinnen, die reserviert hatten, sagten ab. Sie konnte einspringen. Sie hat darum gebeten, in einem solchen Fall informiert zu werden. Denn sich für 2017 auf die Liste setzen zu lassen, wäre ihr zu riskant gewesen. Die Möglichkeit der Auseinandersetzung zwischen ihrer Kunst und dem sehr speziellen Ausstellungsraum im Dachstock der Galerie habe unter anderem ihre Interesse für diese Ausstellung ausgelöst.

Das Enkelkind besuchen

Zwei Jahre hat sie an den Werken gearbeitet, die jetzt auch zwischen den Holzbalken an der Wand der Galerie hängen. Eine ihrer Kunstinstallationen besteht aus visualisierten Glücksmomenten. «Meine Auffassung ist immer, dass das was geschehen ist, sich nicht ändern lässt», sagt Baudenbacher. Deshalb wäscht sie aus dem jeweiligen Papier-Inhalt ihres Briefkastens das Alte – etwa die Inhalte von Zeitungen, die im gleichen Moment oft schon nicht mehr aktuell seien – heraus und formt Neues daraus. Sie will dem Papier eine neue Ausstrahlung für die Zukunft verleihen. Die unterschiedlichen Teile der Installation repräsentieren Baudenbachers Glücksmomente, die sie damit wertschätzt «Ich versuche jeden Tag, bewusst meine Glücksmomente wahrzunehmen und mich daran zu nähren.» Letztens hätte sie sich etwa fast zwei Stunden lang mit zwei unbekannten Besuchern ihrer Ausstellung unterhalten. Solch gute Gespräche und sich oft in ihrer Kunst entfalten zu können, sind Beispiele wiederkehrender Glücksmomente für die Künstlerin. Doch der grösste Glücksmoment sei, dass ihre Tochter ein Kind geboren habe. «Bald sehe ich es zum ersten Mal.»

Vor einigen Jahren hat Regula Baudenbacher aus geschöpftem Papier, mit Bienenwachs versiegelt, ihre eigene Urne gestaltet. Sie wusste damals noch nichts von ihrer Krankheit, doch sie akzeptierte schon, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Obwohl am Schluss ihre Kinder entscheiden dürften, sei es ein schöner Gedanke, dass sie die Urne mit ihrer Asche auf ein Schiff mitnehmen würden, um sie irgendwann dem Ozean und damit dem Kreislauf der Natur zu übergeben.

Bis dann hofft sie, eine weitere Ausstellung machen zu können, in der sie ihr ganzes Lebenswerk an einem Ort zeigen kann. Dafür wäre aber eine grosse Räumlichkeit nötig, verrät sie.