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Der Klinikstreit von Rehetobel

In Rehetobel ist ein Therapie- und Regenerationszentrum geplant. Das Vorhaben sorgt im Vorfeld der Abstimmung vom Sonntag für hitzige Diskussionen. Während sich die Befürworter davon neue Arbeitsplätze erhoffen, halten die Gegner das Projekt für überrissen.
Jesko Calderara
Die Gemeinde Rehetobel ist in Ausserrhoden am höchsten verschuldet. Das Projekt «Sportsclinic» soll helfen, dies zu ändern. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Gemeinde Rehetobel ist in Ausserrhoden am höchsten verschuldet. Das Projekt «Sportsclinic» soll helfen, dies zu ändern. (Bild: Hanspeter Schiess)

Seit Wochen gehen die Wogen hoch in der Ausserrhoder Gemeinde Rehetobel. Grund dafür ist eine politische Vorlage, die am kommenden Sonntag zur Abstimmung gelangt. Die Gemeinde will das ehemalige Altersheim «Ob dem Holz» im Baurecht an zwei private Investoren abtreten. Nach einem schlagzeilenträchtigen Vorfall, bei dem ein Bewohner schikaniert wurde, hat der Gemeinderat das Heim geschlossen. Seit Mitte 2014 steht es leer. Auf dem Grundstück soll unter der Marke «Sportsclinic Switzerland» ein Therapie- und Regenerationszentrum mit 40 Zimmern entstehen. Hinter dem 15 Millionen Franken teuren Vorhaben steht die Sports-Medicine-Excellence-Gruppe. Das Unternehmen gehört den beiden in Rehetobel wohnhaften Orthopäden Andreas Bänziger und Florian Kamelger. Ihre Idee ist es, dass sich Patienten in Rehetobel nach einem ambulanten Eingriff, beispielsweise am Knie, für einige Tage erholen. Operiert werden soll am Spital Heiden.

Zweifel am Geschäftsmodell

Von einer Aufbruchstimmung ist in Rehetobel aber nur wenig zu spüren, das Klima ist von Misstrauen in die politischen Behörden und die «Sportsclinic»-Initianten geprägt. An den beiden öffentlichen Informationsveranstaltungen zum Projekt meldeten sich vor allem die Gegner zu Wort. Sie gehören grösstenteils der «Interessengemeinschaft Rechtobel» an. Während den Diskussionen prallten zuweilen zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite die weltläufigen Unternehmer und auf der anderen Seite Teile der Bevölkerung, die den Plänen aus verschiedenen Gründen ablehnend gegenüberstehen.

Zu den Kritikern des geplanten Therapie- und Regenerationszentrums gehört Monica Born, die seit mehreren Jahren in Rehetobel wohnt. Sie ist Inhaberin der Born Medical AG und vertreibt Medizinprodukte. Für Born sind viele Details zum künftigen Betrieb der «Sportsclinic» noch unklar. Zweifel am Geschäftsmodell hat sie vor allem aber aus medizinrechtlichen Gründen. «Laut dem Gesetz bedeutet ambulantes Operieren, dass ein Patient morgens eintritt und abends wieder nach Hause geht.» Ihren Erfahrungen nach bezahle keine Krankenkasse nach ambulanten Eingriffen noch einen Therapieaufenthalt, sagt Born. Letztlich würden in der «Sportsclinic» wohl Privat- oder ausländische Patienten behandelt. Es mache zudem stutzig, weshalb die «Sportsclinic» nicht auf die Spitalliste wolle, sagt Born. «Ohne diesen Schritt können keine Allgemeinpatienten behandelt werden.»

In der Schutzzone

Ein grosser Streitpunkt im Abstimmungskampf waren raumplanerische Aspekte. Denn das an schönster Aussichtslage auf dem Weg zum Gupf liegende Areal «Ob dem Holz» liegt in der Landwirtschaftszone und einer Landschaftsschutzzone. Die Investoren wollen das bestehende Haus abreissen und durch einen Neubau aus Holz ersetzen. Mit den Planungen haben sie den italienischen Stararchitekten Matteo Thun beauftragt. Selbst wenn das Stimmvolk am Sonntag Ja sagt, ist es offen, ob und in welcher Grösse die Klinik gebaut werden kann. Denn der Baurechtsvertrag tritt nur in Kraft, wenn der Kanton das Bauprojekt bewilligt. Zurzeit laufen die Gespräche mit dem Planungsamt. Ein Vorprojekt oder eine Machbarkeitsstudie liegt nicht vor. Diese Vorgehensweise sorgte ebenfalls für Unmut in der Bevölkerung. Von «Zwängerei» war da und dort die Rede.

Hochverschuldete Gemeinde

Für den Baurechtsvertrag haben sich der Gewerbeverein sowie SVP und FDP ausgesprochen. Sie sehen im «Leuchtturmprojekt» eine Chance für Rehetobel zur wirtschaftlichen Entwicklung. Bis zu 50 neue Arbeitsplätze sollen durch die «Sportsclinic» entstehen, versprechen die Bauherren. Für die 1700 Einwohner zählende Gemeinde wäre dies nicht unbedeutend, zumal sie mit dem Wegzug der Optiprint 2012 einen wichtigen Industriebetrieb verloren hat. Auch aus finanziellen Gründen ist das Angebot der Sports-Medicine-Excellence-Gruppe lukrativ für das hochverschuldete Rehetobel: Allein der ausgehandelte Baurechtszins beträgt jährlich 100 000 Franken. Per Ende 2014 lag die Nettoschuld pro Kopf bei 4789 Franken. Im innerkantonalen Vergleich liegt Rehetobel damit an der Spitze. Der Gemeinderat setzt deshalb grosse Hoffnungen in die «Sportsclinic». «Das Projekt ist innovativ, durchdacht und von Fachleuten getragen», sagt Gemeindepräsident Ueli Graf. Es schaffe Arbeitsplätze und nachhaltige Wertschöpfung in der Region. Das Gesundheitswesen sei eine Stärke des Kantons und müsse dies auch bleiben, fordert Graf. «Zudem wird das Vorhaben Signalwirkung haben, dass Unternehmer bei uns willkommen sind.»

Sparen als Argument

Die 2007 gegründete Sports- Medicine-Excellence-Gruppe ist in Deutschland, Österreich und Italien tätig. Bis anhin hat sie die Räumlichkeiten für ihre Tätigkeit jeweils gemietet. Nun plant sie in Davos und im bayrischen Bad Wiessee am Tegernsee zwei weitere Therapie- und Regenerationszentren. Kernstück des Geschäftsmodells ist die sogenannte Komplexpauschale. Dabei wird mit den Krankenkassen vorgängig ein Fixpreis für die gesamte Behandlungskette des Patienten von der ersten Arztkonsultation über die Operation bis zur letzten Therapiestunde festgelegt. Auf diese Weise könnten Kosten im Gesundheitswesen gespart werden, argumentieren Bänziger und Kamelger.

Ärzte und Autoliebhaber

Bänziger sass einst in der Geschäftsleitung von Sulzer Medica. Später war der 53-Jährige CEO der Thurgauer Medizinaltechnikfirma HMT. In dieser Zeit lernte Bänziger seinen heutigen Geschäftspartner Kamelger kennen, der dereinst in seine Fussstapfen treten soll. Der 39-Jährige stammt aus dem Südtirol und studierte Medizin in Innsbruck. In der Ostschweiz sind Bänziger und Kamelger noch auf einem anderen Gebiet unternehmerisch tätig: Die beiden Autoliebhaber und Hobbyrennfahrer bauen in Niederwil eine neue Niederlassung von Aston Martin St. Gallen, dem Exklusivhändler des britischen Luxus-Sportwagenherstellers in der Schweiz.

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