Der Kanton der Zahnärzte

HERISAU. Appenzell Ausserrhoden hat die höchste Zahnarztdichte der Schweiz – mit Abstand. Der Konkurrenzdruck könnte einige an die Grenzen bringen.

Dominik Galliker
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Ältere Zahnärzte suchen keinen Nachfolger mehr – auch in Appenzell Ausserrhoden wird die Zahnarztdichte abnehmen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ältere Zahnärzte suchen keinen Nachfolger mehr – auch in Appenzell Ausserrhoden wird die Zahnarztdichte abnehmen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Das Appenzellerland ist bekannt für seine Spezialitäten, davon sind einige ein Mysterium. Ein Unikum ist Appenzell Ausserrhoden auch, wenn es um die Zahnpflege geht: Nirgends gibt es auch nur annähernd so viele Zahnärzte wie hier. In St. Gallen etwa arbeiten auf 100 000 Einwohner 51 Zahnärzte. Im Thurgau sind es 35, in Appenzell Innerrhoden 38, in Zürich 57, in Bern 53. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden sind es deutlich mehr: Hier arbeiten auf 100 000 Einwohner 183 Zahnärzte.

Warum ist Appenzell Ausserrhoden ein Zahnarzt-Land? «Die Gründe liegen in der Vergangenheit», sagt Staatsarchivar Peter Witschi. Es sei eine Folge der freien Heiltätigkeit. «Lange brauchten Zahnärzte im Kanton keine Bewilligung.» Zahnarzt war ein freier Beruf: Jeder, der wollte, konnte sich als Zahnarzt bezeichnen, Löcher flicken, Stiftzähne und Spangen einbauen. Das habe zu einer «ziemlich vielfältigen Szene» geführt, wie es Peter Witschi formuliert.

Patienten von überall her

Erst seit 1965 regelt Appenzell Ausserrhoden die Berufstätigkeit näher. Der Kanton erlaubte nur noch Zahntechniker, die mindestens drei Jahre operative Ausbildung hinter sich hatten. Ab 1986 mussten Zahnärzte beim Kanton eine Prüfung ablegen. Geprüft wurde unter anderem, wie sie eine Goldgussfüllung anfertigten und eine Wurzelbehandlung durchführten – Patienten mussten sie selber organisieren. Wenn die Kandidaten bestanden, durften sie im Kanton arbeiten, sie wurden sogenannt «kantonal approbiert». Damit stiegen die Ansprüche deutlich. «Man brauchte erhebliches Wissen, um die Prüfung zu bestehen», sagt Peter Witschi. – Aber: «Die Hürde war immer noch wesentlich tiefer als an den Universitäten.»

Mit diesem Unikum lockte Appenzell Ausserrhoden Zahnärzte an. Zum einen kamen Zahntechniker, zum anderen Zahnärzte aus Ländern, deren Ausbildungen in der Schweiz nicht anerkannt waren – etwa aus dem ehemaligen Jugoslawien. So stieg die Dichte an Zahnärzten. Aus der ganzen Schweiz kamen Patienten in den Kanton, denn hier war eine Behandlung günstiger. Warum das so war, können heute auch Zahnärzte nicht genau sagen. Viele vermuten, dass der Preisunterschied auf Kosten der Einkommen der Zahnärzte zustande kam. 2006 wurden die Kriterien für eine Zulassung in der Schweiz vereinheitlicht. Seither kann der Kanton keine Zahnärzte mehr zulassen, die nicht an einer Universität studiert haben. Von den 98 Zahnärzten im Kanton trägt noch rund ein Drittel den Titel «kantonal approbiert».

Die Dichte an Zahnärzten hat in den letzten zehn Jahren jedoch nicht abgenommen. Der Grund seien Zahnärzte aus dem Ausland, sagt Hansueli Keller, Präsident der Gesellschaft der Appenzeller Zahnärzte. «Deutsche Zahnärzte übernehmen gerne fertig eingerichtete Praxen von einheimischen, die pensioniert werden.»

Konkurrenzdruck?

Günstiger sind die Zahnärzte in Appenzell Ausserrhoden heute kaum noch – wie also kommen 98 Zahnärzte auf dieser Fläche über die Runden? Ein gewisser Konkurrenzdruck sei da, sagt Hansueli Keller. «Ich glaube, einige Zahnärzte kommen heute nur knapp zurecht. Für sie wird es schwierig in den nächsten Jahren, denke ich.» Kantonszahnarzt Markus Voneschen dagegen stellt kaum einen Konkurrenzdruck fest. Er sagt, viele Zahnärzte hätten noch Stammkunden aus der ganzen Schweiz. Auch er glaubt aber, dass die Dichte in den nächsten zehn Jahren abnehmen wird. «Viele ältere Zahnärzte suchen keinen Nachfolger mehr. Sie treten kürzer und behandeln noch Stammkunden, bis sie in Pension gehen.»

Mit dieser Appenzeller Spezialität könnte also bald Schluss sein. Das Unikum des Zahnarztes mit dem Titel «kant. appr.» wird in den nächsten Jahren auf jeden Fall verschwinden.

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