Der Kaiser stand vor ihrem Haus

Vor genau hundert Jahren besuchte der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Gemeinden Wil und Kirchberg. Johanna Hollenstein hat den hohen und vielbeachteten Besuch als Kind hautnah miterlebt. Der Kaiser stand in ihrem Garten.

Silvan Meile
Drucken
Teilen

KIRCHBERG. Johanna Hollenstein sitzt bei einer Tasse Tee am Tisch in ihrem Zimmer im «Sonnegrund», Haus für Betagte, und zeigt auf eines der Bilder an der Wand. Es ist die Zeichnung eines Bauernhofs in der kleinen Häusergruppe Hüsligs, oberhalb von Kirchberg. Dort ist sie aufgewachsen, zusammen mit 13 Geschwistern. Der Hof befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Kaiserlinde, dem Baum, dem in diesem Jahr viel Beachtung geschenkt wird.

Kaisermanöver im Toggenburg

Zum hundertsten Mal jährt sich heute der Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. und das damit verbundene Militärmanöver im unteren Toggenburg. Johanna Hollenstein hat die Geschehnisse, die rund 100 000 Zuschauer sowie höhere Militärs aus 21 Ländern und allen Kontinenten anlockte, hautnah miterlebt. «Der Kaiser stand vor unserem Haus», erzählt die heute 104 Jahre alte Kirchbergerin.

Der Kaiser vor dem Haus

Mit verschiedenen Ausstellungen und Anlässen erinnert man sich in diesen Tagen an den Besuch des deutschen Kaisers, der damals mit einer schier unglaublichen Begeisterung in Wil und Kirchberg von Tausenden von Menschen empfangen wurde. Die grossflächige Militärübung scheint damals ernsthafter und grossangelegter Anlass für volksfestähnliche Zustände gewesen zu sein. «Herrschaften von weiter her sind wegen des Kaiserbesuchs nach Kirchberg gekommen», erzählt Johanna Hollenstein. Offiziere hätten auch im elterlichen Bauernhaus eine Unterkunft gefunden.

In einem von sechs imposanten Automobilen sei der Kaiser von Wil nach Kirchberg gefahren, weiss die Rentnerin noch heute. Andere Offiziere seien auf Pferden angeritten. «Und dann stand der Kaiser im Garten vor unserem Haus», sagt sie. Ein eindrückliches Erlebnis für ein kleines Mädchen.

Die Linde steht noch heute

Die Erinnerungen sind bei Johanna Hollenstein auch 100 Jahre später noch im Gedächtnis. Einen lahmen Arm hätte der deutsche Monarch gehabt, für den auf dem beschaulichen Hüsligs als Erinnerung an seinen Besuch eine Linde gepflanzt wurde.

Johanna Hollenstein streckt ihren Kopf näher, als hätte sie ein Geheimnis zu verraten: «De isch wellewäg nur go gwündere cho», sagt sie und meint damit wohl, dass der Kaiser die militärische Stärke der Schweizer Armee überprüfen wollte.

Schlimme Kriegszeit

Nur zwei Jahre später brach mit dem Ersten Weltkrieg eine Katastrophe aus, die insgesamt rund 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Es sei die schlimmste Zeit in ihrem langen Leben gewesen, erzählt Johanna Hollenstein. Schrecklich sei es gewesen, vor allem im ersten Kriegsjahr hätten Nahrungsmittel für die Bevölkerung gefehlt.

Das Ansehen des deutschen Kaisers mit seiner Begeisterung fürs Militärische hätte im Ersten Weltkrieg stark gelitten. Zu viel Leid brach über Europa herein. Man habe damals Pflanzen, die auf dem Hüsligs anlässlich des Kaiserbesuchs gepflanzt wurden, wieder ausgerissen, erzählt Johanna Hollenstein. Nur die Linde ist geblieben und thront noch heute kaiserlich über Kirchberg.

Aktuelle Nachrichten