Der Käfer in der Mehlsuppe

Brosmete

Esther Ferrari
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Mehlwürmer, Grillen, Heuschrecken, die neue Delikatesse auf dem Teller! Noch habe ich solche Spezialitäten nicht gekostet, noch habe ich irgendeines der Rezepte, die neu im Internet zu lesen sind, ausprobiert. Eine Erinnerung an meine Kindheit ist mir noch präsent: Ich sitze mit meiner Mutter am Küchentisch und wir kontrollieren den Lebensmittelvorrat: Mehl sieben, Gries sieben, Mais sieben, und das sauber Erlesene wieder zurück in die Vorratsdosen geben. Haltbarkeit nach Gutdünken. Ein Verfalldatum stand nirgends. Die gefundenen Würmer, Maden, Insekten oder deren Eier wurden den Hühnern verfüttert. Uns ist es nie in den Sinn gekommen, sie zu essen. Sie galten als Ungeziefer und das war «grüüsig». Von reich an Eiweiss und Mineralien haben wir nicht gewusst.

Und nun sind sie der letzte Schrei in der modernen Küche. Wie steht es mit dem Wurm im Apfel, demjenigen in den Kirschen, den Würmchen an den Himbeeren, den Maden am Käse oder am Fleisch? Sind auch sie essbar und gesund? Und der Holzwurm, der Borkenkäfer oder die Engerlinge? Wurden noch keine Studien gemacht, um sie als Leckerbissen zu lancieren? Wir hätten zwei Fliegen auf einen Schlag. Es bräuchte keine Pestizide mehr und unsere Nahrungskette würde erweitert. Um Insektenfresser zu werden, genügt eine kleine Regulierung im Kopf. Mein Grossvater hat in seiner Jugend den Maikäfern «s’Födle abbesse». Es schmecke wie Nusskerne. Und hier das Maikäfersuppe-Rezept: frühmorgens, wenn die Käfer noch nicht fliegen, sammeln. Kurz ins kochende Wasser werfen oder rasch in einer Pfanne mit etwas Butter rösten. Flügel und Beine entfernen, den Rest mörsern oder hacken, im Wildkräuter- oder Brennnesselsud köcheln, mit etwas Mehl binden, Weisswein, Rahm, eventuell ein ­Eigelb und Schnittlauch beigeben. Pro Person braucht es etwa 30 Maikäfer. «En Guete!»

Esther Ferrari