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Neue Nahrung für den Anti-Herisau-Reflex? Ausserrhoden fest in Hinterländer Hand

Die finanzschwächste Region dominiert Appenzell Ausserrhoden politisch wie noch nie. Das kommt nicht überall gut an.
David Scarano

Der innerkantonale Zusammenhalt wird in Appenzell Ausserrhoden bald getestet. Auslöser ist die Neugestaltung des Bahnhofs Herisau. Denn auch Mittel- und Vorderländer Stimmbürger befinden im kommenden Mai über den Kantonsanteil des Verpflichtungskredits in der Höhe von knapp 13 Millionen Franken für das entscheidende Strassenprojekt. Das Kantonsparlament beugt sich heute Montag in erster Lesung vorgängig über die Vorlage. Für den Regierungsrat ist das Bahnhofareal das «wichtigste Entwicklungsgebiet des Kantons».

Die regionalpolitische Diskussion dürfte mehr Pfeffer drin haben, als viele annehmen. Und sie kommt zu einem historisch aussergewöhnlichen Zeitpunkt. Die politische Dominanz des Hinterlands und des unverbrieften Hauptorts ist derzeit wohl so ausgeprägt wie nie. Dies könnte den teils vorhandenen Anti-Herisau-Reflex verstärken und damit die Stimmung im Volk beeinflussen.

Drei Hinterländer Kantonsratspräsidenten in Serie

Aktuell stellt das Hinterland fünf der fünf Regierungsräte. Zudem ist die amtierende Kantonsratspräsidentin Katrin Alder (FDP) eine Herisauerin. Auch die kommenden zwei höchsten Ausserrhoderinnen und Ausserrhoder werden, wenn alles nach Plan läuft, im Hinterland zu Hause sein. Der Herisauer Marcel Hartmann (CVP) ist erster Vizepräsident, die Hundwilerin Margrit Müller (PU) seine designierte Nachfolgerin. Aber nicht nur das: Die Präsidien der fünf wichtigsten Parteien im Kanton sind bis auf eine Ausnahme fest in Hinterländer Hand. Nur gerade SP-Chef und Trogner Jens Weber sorgt für Abwechslung. Ein bisschen besser sieht es bei den Bundesvertretern aus. Nationalrat David Zuberbühler (SVP) und Ständerat Andrea Caroni (FDP) sind zwar in Herisau gemeldet, der Freisinnige wird allerdings wegen seiner Gruber Wurzeln nach wie vor als Vorderländer wahrgenommen.

Vor allem in der alten Heimat von Andrea Caroni beklagt man sich regelmässig über die fehlende regionale Ausgeglichenheit. So kritisierte der Heidler alt Regierungsrat Köbi Frei vor den Sommerferien, sein Vorderland gehe in Herisau häufig «vergessen und verloren». Dass das Hinterland so eine dominante Rolle einnimmt, kommt bei Hannes Friedli, dem Heidler SP-Kantonsrat, nicht gut an:

«Diese Entwicklung ist etwas stossend.»

Die Kandidaten aus der mit Abstand grössten Gemeinde hätten die mit Abstand besten Chancen. Das könne dazu führen, dass die Parteien vermehrt auf Herisauer und Hinterländer setzen würden, sagt er. Friedli kritisiert aber auch seine Vorderländer Mitbürger. Die Region müsse mehr auf sich aufmerksam machen, sagt er. Ernst Pletscher, der aktuelle Gemeindepräsident von Reute und ehemaliger parteiloser Kantonsrat, der jahrelang in der SP-Fraktion politisiert hat, verfolgt die Entwicklung ebenfalls kritisch. Er sagt:

«Ich habe aber Vertrauen, dass die Mitglieder der Regierung ihre Regionalität nicht in den Vordergrund stellen.»

Für zusätzliche Brisanz sorgt die Tatsache, dass Herisau und Co. zwar politisch den Ton angeben, wirtschaftlich aber im Vergleich zum Vorder- und Mittelland ins Hintertreffen geraten sind. Ein Blick auf den Finanzausgleich zeigt: Sämtliche Hinterländer Gemeinden gehören zu den Empfängern. Bei der Finanzkraft sind Urnäsch, Hundwil, Schönengrund und Schwellbrunn die Kellerkinder. Die Zahler befinden sich im Vorder- und Mittelland.

Herisauer Macht löst Unbehagen aus

Doch nutzen Herisau und das Hinterland ihre derzeitige politische Macht aus? Anzeichen dafür gibt es keine. Klar ist aber: Die Dominanz löst zuweilen Unbehagen aus. So etwa in der Verfassungskommission. Die Mehrheit lehnte es Ende April ab, Herisau als Hauptort in der Verfassung aufzunehmen. Einzelne Mitglieder der Kommission befürchteten, dies könnte im Kanton einen Abwehrreflex auslösen und die Abstimmung über die totalrevidierte Kantonsverfassung gefährden.

Annette Joos-Baumberger, FDP-Kantonsrätin und ehemalige Herisauer Gemeinderätin, ist sich der Sonderstellung der grössten Gemeinde Ausserrhodens sehr bewusst, die fast einen Drittel der Kantonsbevölkerung stellt. Die Politikerin sieht darin keinen Vorteil, im Gegenteil: «Die ungleiche Ausgangslage kann ein Nachteil sein», sagt sie. Aus Rücksicht auf die Gefühlslage der anderen Gemeinden müsse sich Herisau häufig zurücknehmen. Dass das Mittel- und vor allem das Vorderland benachteiligt werden, glaubt sie nicht.

«Sachpolitisch lässt sich ein solcher Vorwurf nicht belegen.»

Klar ist für sie aber: Der Anti-Herisau-Reflex sei real, er zeige sich regelmässig. Sie habe gehofft, dass mit den Jahren das gegenseitige Verständnis wachse, doch davon sei nach wie vor wenig zu spüren. Dennoch: Das kantonale Ja zum Bahnhof Herisau sieht sie nicht in Gefahr. «Die Vorteile für den Kanton überwiegen, das werden auch die Vorder- und Mittelländer anerkennen», sagt die FDP-Kantonsrätin.

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