Der Gemeinderat als Dienstleister

In Teufen wollen die Gemeinderäte etwas für ihr Image tun – als Barkeeper unter der Ledi-Bühne. «Im Volk schaut man heute unser Amt oftmals als eine dienende Funktion an», sagt Bühlers Gemeindepräsidentin Ingeborg Schmid-Huser.

Ueli Abt
Drucken

APPENZELLERLAND. Es war zunächst nur eine scherzhafte Bemerkung am Rand: «Hoffentlich verbessert das unser Image als Gemeinderäte», kommentierte der Teufener Gemeindepräsident Walter Grob mit einem Augenzwinkern das Mitwirken der Gemeinderäte aus Speicher, Trogen und Teufen an der Theke der Sefar-Bar unter der Ledi-Bühne («Appenzeller Zeitung» vom Montag).

In Grobs humorvoller Andeutung scheint dabei ein Körnchen Wahrheit zu stecken – mindestens: Denn hört man sich bei den Behörden um, so erhalten die Gemeinderäte offenbar in der Tat nicht jene Wertschätzung, die ihrem Engagement für die Gemeinschaft eigentlich entspräche.

Nicht mehr so viel Ehre

«Im Volk schaut man heute unser Amt oftmals als eine dienende Funktion an», sagt Bühlers Gemeindepräsidentin Ingeborg Schmid-Huser. Sie hält dies für ein Phänomen der Zeit. Früher hätten die Mitglieder der Gemeindeexekutive im wahrsten Sinne des Wortes ein «Ehren-Amt», verbunden mit einer gewissen Narrenfreiheit, inne gehabt.

Inzwischen sei es mit der Ehre nicht mehr so weit her. «Heute erwartet man von den Behörden, dass sie die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen», sagt Schmid. Viele Bürger seien enttäuscht, sobald sich zeige, dass ein solches Bedürfnis nicht erfüllt werden könne. Schmid weist darauf hin, dass die gesetzlichen Vorgaben meist nicht viel Spielraum liessen – mit dem Ergebnis, dass man schliesslich als Gemeinderat oftmals nicht gerade als Held dastehe.

Etwa bei Bauvorhaben sei es oftmals nicht möglich, den Interessen einzelner Personen eins zu eins Rechnung zu tragen – wenn auch in der Regel tragbare Lösungen für alle Beteiligten resultierten. Aber auch bei Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen, sieht sich Schmid zuweilen mit enttäuschten Erwartungen konfrontiert. Das Finden von Lösungen sei eben manchmal ein langwieriger Prozess. Schmid nennt als Beispiel aus der Gemeinde die Bahnübergänge und deren Behinderung des Verkehrsflusses. «Wir haben ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger. Dabei braucht es immer wieder Gespräche, um zu klären, was unser Auftrag ist und was unsere Möglichkeiten sind», so Schmid.

«Die Leute wissen nicht, was bei so einem Amt dahinter steckt», sagt Gemeindepräsident Grob aus Teufen, und diesmal meint er es exakt so, wie er es sagt: Heutzutage werde sehr schnell Kritik laut, wenn ein in der Kollegialbehörde getroffener Entscheid nicht allenorts gut ankomme. Als Gemeinderat exponiere man sich, und dem entsprechend werde es je länger je schwieriger, Leute zu finden, die ein solches Amt übernehmen wollen. Grob freut sich allerdings, dass es bislang immer gelang, alle Ressorts in der Gemeinde zu besetzen.

Vakanz in Bühler

In der Nachbargemeinde Bühler hingegen besteht der Gemeinderat derzeit nur aus sechs statt sieben Mitgliedern. Gemäss Präsidentin Schmid hat man sich entsprechend organisiert, dies sei aber auf lange Sicht keine Lösung. «Wenn wir längerfristig niemanden finden, werden wir Aufgaben an die Verwaltung abgeben müssen, was finanzielle Konsequenzen haben wird», so Schmid.

Die Nachfolgefrage beschäftigt auch den Gemeinderat in Urnäsch: Nach 30 Jahren in der Politik tritt Gemeindepräsident Stefan Frischknecht im kommenden Jahr zurück. Das bisher neunköpfige Gremium personell zu reduzieren, hält Frischknecht nicht für eine gute Lösung: «Dann wird die Belastung für die verbleibenden Mitglieder nur noch grösser.»

Ernüchtert umschreibt er die verbreitete Haltung: «Niemand will es machen, aber alle sind froh, wenn es einer tut.» Oftmals hintenrum, zuweilen auch sehr direkt werde dem Gemeinderat immer wieder mal Unfähigkeit vorgeworfen. Frischknecht hält solche Kritik insofern für billig, als ein Stammtischpolterer ja niemals den Beweis antreten müsse, dass ihm dieselbe Aufgabe viel besser gelingen würde. Symptomatisch für unsere Zeit sei, dass die Öffentlichkeit bei Schwierigkeiten und Problemen stets nach «dem» Schuldigen suche – wofür sich für diese Rolle der Präsident besonders eigne. Die angefragten Präsidenten sind sich einig, dass ein Kommunalamt eine spannende Sache sei – dass dies aber auch eine gehörige Prise Idealismus erfordere. «Ein Mandat kann und soll nicht entschädigt werden wie eine Tätigkeit in der Privatwirtschaft», sagt Präsidentin Schmid aus Bühler. «Des Geldes wegen macht es niemand», sagt Präsident Grob aus Teufen. Und Frischknecht aus Urnäsch sagt im Hinblick auf kulturelle Anlässe, die ein Gemeindeamt angenehmerweise auch mit sich bringe: «Man erlebt gemeinsam Dinge, die man sonst nicht erleben würde.»

Wenn das Amt auch grundsätzlich immer wieder mit sich bringen wird, dass Wünsche der Bürger abgewiesen werden müssen – ein Anliegen werden die Gemeinderäte unter der Ledi in Teufen mindestens vorübergehend subito erfüllen können: den Wunsch nach einem Bier.

Aktuelle Nachrichten