Der Garten gibt den Rhythmus vor

Einmal im Monat gibt Remo Vetter aus Teufen, der «Lazy Gardener», im Rahmen von «Das Gartenjahr» Tips für Hobbygärtnerinnen und -gärtner, sagt, welche Arbeiten nun anstehen, und philosophiert über die Freuden (und manchmal Leiden) des Gärtnerdaseins.

Remo Vetter
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Erntezeit: Remo Vetter mit prachtvollem Blumenkohl… (Bilder: pd)

Erntezeit: Remo Vetter mit prachtvollem Blumenkohl… (Bilder: pd)

TEUFEN. Ein Garten ist mehr als ein Stück Boden, auf dem man Gemüse und Obst anpflanzt. Ein Garten ist ein Ort der Ruhe und Rückbesinnung auf die Natur und sich selbst!

In guter Gesellschaft

Auch Michelle Obama, Claudia Schiffer und Heidi Klum verspüren seit einiger Zeit Lust, in der Erde zu wühlen. Was mag wohl dahinter stecken? Ich bezeichne den Garten ja gerne als «safe space», also als Rückzugsort und Refugium. Könnte es sein, dass der Garten für diese Damen den Therapeuten ersetzt? Warum auch nicht! Der Gedanke ist gar nicht so abwegig – und es wäre erst noch günstiger. In einer Welt, in der alles immer schneller geht, in der wir permanent «online» und abrufbar sind, schätzen wir vielleicht genau den Ausgleich dazu. Hier im Garten, wo ein Baum lange braucht, um Früchte zu tragen, es länger geht, bis das Gemüse reif wird, wo wir Einflüsse nicht manipulieren können, hier sind wir der Natur und den Jahreszeiten ausgesetzt, und sie gibt vor, was geht und was zu tun ist. Im Garten sieht man den Lohn, oder noch besser den Erfolg seiner Arbeit und den direkten Aufwand,

den man geleistet hat. Wenn man etwas pflanzt, pflegt, beobachtet und liebt, blüht es irgendwann und erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit.

Vorwärts zur Natur

Amerikanische Tankstellen verkaufen in ihren Shops mehr Fastfood (von Zigaretten und Alkohol ganz zu schweigen) als Benzin und Diesel an ihren Zapfsäulen. Und vieles, was man im Tankstellenshop erhält, sind vitamin- und mineralstofflose Dickmacher und Süssgetränke. Tankstellenshops stehen in Amerika für manipuliertes Fastfood, und es ist nicht verwunderlich, dass der durchschnittliche Amerikaner rund 10 kg mehr wiegt als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Im Garten spielen ganz andere Gesetzmässigkeiten. Viele Menschen würden gerne so gärtnern, wie sie essen und leben: Es sollte schnell gehen, und anfallende Probleme werden bekämpft. Doch gärtnern wie essen ist eine Philosophie, die «Gastronomie des Auges». Gärtnern heisst auch vegetieren können, loslassen, durch den Garten flanieren – leben! Und damit ist der Garten zum echten Luxus geworden.

Es ist wunderbar, dass das Schrebergärtnern in den letzten Jahren solch einen Aufschwung erlebt. Es sind heute immer mehr jüngere Familien, die einen Garten pflegen und sich abends mit Freunden oder der Familie genüsslich im grünen Refugium treffen. Und so gönne ich Michelle Obama, Claudia Schiffer und Heidi Klum einen Ort, wo sie in der Erde wühlen können und in unmittelbarem Kontakt zu sich und der Natur stehen. Legen Sie einen Gemüsegarten an, wenn Sie den Platz dazu haben, oder bepflanzen Sie eine Gemüsekiste auf dem Stadtbalkon, wenn der Raum beschränkt ist.

Ökologisch vertretbarstes Gut

Was hat das Anpflanzen von eigenem Gemüse, Obst und von eigenen Kräutern damit zu tun, dass wir vertrauter mit der Natur, der Nahrung und dem Umgang mit unserer Umwelt umgehen? Aus meiner Sicht ist dies genau der Anfang eines wichtigen Prozesses: Wir erkennen durch das eigene Tun, dass Nahrung nicht ein Industrieprodukt ist, sondern «ursprünglicher Natur» gleichkommt, und dass es (fast) nichts Schöneres gibt, als Essen mit der Familie und mit Freunden zu teilen. Die praktische Seite daran ist, dass das Essen, das aus dem eigenen Garten kommt, das frischeste, geschmacklich beste und vermutlich billigste sowie ökologisch vertretbarste Gut ist, das wir nutzen können.

…und seine Frau Frances mit nicht minder prächtigem Obst.

…und seine Frau Frances mit nicht minder prächtigem Obst.

Bild: REMO VETTER

Bild: REMO VETTER