Der, der den Wolf filmt

Seit 40 Jahren ist der St. Galler Jost Schneider mit der Kamera in der Natur unterwegs. Ein Highlight waren für den Filmer die Wolfsszenen im Film «Schellen-Ursli». Am Dienstag ist der 66-Jährige im Buchensaal in Speicher zu Gast.

Karin Erni
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Die Wölfin ist eine der Darstellerinnen im Film «Schellen-Ursli». (Bild: pd)

Die Wölfin ist eine der Darstellerinnen im Film «Schellen-Ursli». (Bild: pd)

Herr Schneider, was erwartet die Besucher an Ihrem Filmvortrag in Speicher?

Jost Schneider: Ich zeige Ausschnitte aus meinen Filmen, erzähle, welche Tiere ich beobachten konnte und was ich dabei erlebt habe. Am meisten interessiert die Leute erfahrungsgemäss das «Making-of» des Films Schellen-Ursli von Oscar-Preisträger Xavier Koller. Sie wollen wissen, wie die Szenen mit dem Wolf entstanden sind.

Können Sie dazu schon etwas verraten?

Schneider: Es handelt sich beim Tier um eine gezähmte Wölfin aus Norddeutschland. Weil man Wölfe nicht wie Hunde dressieren kann, gestalteten sich die Dreharbeiten mit der Filmcrew von 20 bis 30 Leuten für das scheue Tier sehr schwierig. Da beschloss der Regisseur, dass wir die Wolfsszenen nur in einem kleinen Team von vier Personen abdrehen. Die Wölfin konnte sich frei in der Natur bewegen und agieren. Für mich und meine Frau Margot, die für den Ton verantwortlich war, waren die Dreharbeiten eine sehr eindrückliche Erfahrung.

Sie haben gewissermassen einen Traumjob…

Schneider: Ja, aber es ist nicht immer nur schön, oft ist es auch kalt. Allein in der Natur zu sein, birgt viele Gefahren, gerade im Winter. Da muss ich ausgesprochen vorsichtig agieren.

Wie sind Sie zum Filmen gekommen?

Schneider: Ich habe mich schon immer für Tiere interessiert und sie gerne beobachtet. Als Seminarist habe ich eine Arbeit über das Sozialverhalten der Rehe gemacht. Zuerst illustrierte ich meine Erkenntnisse mit Fotos. Dann merkte ich, dass der Film das bessere Medium ist, um das Verhalten von Tieren zu dokumentieren.

Dabei sind Sie geblieben?

Schneider: Später habe ich, neben meiner Arbeit als Lehrer, für die Medienzentrale Schulfilme hergestellt. Meine ersten Arbeiten waren Filme über Schmetterlinge und Frösche, später entstanden zwei Filme über Füchse. Es folgte ein Auftragsfilm über «100 Jahre Steinbock in der Schweiz». Wegen dieses Films wurde die britische Fernsehgesellschaft BBC auf mich aufmerksam. Sie haben mich angefragt, ob ich ihnen eine Kampfszene von Steinböcken liefern könne. Obwohl die Paarungszeit längst vorbei war, gelang es mir, einen Kampf zu beobachten und zu filmen.

Ein Glücksfall . . .

Schneider: Glück gehört beim Tierfilmen immer dazu. An diesem Fall war besonders glücklich, dass ich die Szene sich an einem superschönen Ort zutrug.

Woher haben Sie Ihre Kenntnisse über die Natur?

Schneider: Vieles habe ich mir selbst angeeignet. Während einer beruflichen Auszeit habe ich zudem einige Semester an der Uni Basel Zoologie, Botanik, Geografie und Paläontologie studiert. Davon konnte ich später viel profitieren.

Worauf muss ein Tierfilmer bei der Arbeit achten?

Schneider: Wichtig ist, die Tiere und ihre Reaktionsweisen zu kennen und richtig zu deuten. Als Filmer sollte man möglichst wenig stören, damit man das Verhalten der Tiere unverfälscht dokumentieren kann. Erfahrung und Ortskenntnisse erleichtern die Aufgabe. Man kennt die Plätze, wann und wo sich die Tiere bevorzugt aufhalten und muss nicht lange nach ihnen suchen.

Sie haben Ihren Beruf als Primarlehrer aufgegeben, um sich ganz der Filmerei zu widmen. Können Sie vom Filmen leben?

Schneider: Eine Familie ernähren könnte ich mit dieser Arbeit nicht. Sie ist sehr aufwendig. Die Dreharbeiten für den Murmeltierfilm dauerten eineinhalb Jahre. 150 Tage verbrachte ich in der Natur. Daraus entstand ein Dokumentarfilm von 50 Minuten Länge. Dieses Jahr bin ich 20 Tage beim SRF angestellt. Für die Sendung «SRF bi de Lüt – Wunderland» mit Nik Hartmann liefere ich die Tieraufnahmen, die in den einzelnen Folgen eingebaut werden.

Was waren Ihre eindrücklichsten Erlebnisse?

Schneider: Als Tierfilmer entwickelt man eine gewisse Beziehung zu den Akteuren und nimmt Anteil an deren Schicksal. Im Murmeltierfilm konnte ich auf der Potersalp eine Familie über einen längeren Zeitraum beobachten. Die Geschichte eines Muttertieres, das von seiner Familie ausgestossen wird, und schliesslich vom Fuchs gefressen wird, ist mir persönlich nahe gegangen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Schneider: Die Gemse ist ein Tier, das mich fasziniert. Filme über einheimische Tiere kann man mit vertretbarem Aufwand realisieren. Das Gebiet Chammhalden im Alpstein ist dafür hervorragend geeignet.

Filmvortrag: Dienstag, 3. Mai, 19.30 Uhr, Buchensaal Speicher

Jost Schneider hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. (Bild: pd)

Jost Schneider hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. (Bild: pd)

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