Der Choreograph und die Künstler

Der Herisauer Marcel Kull ist der führende Goalietrainer im Schweizer Eishockey. Jeweils im Frühsommer lädt er zu Spezialtrainings nach Davos. Nebst den NLA-Torhütern des Rekordmeisters schleift Kull einen jungen Herisauer.

Mea Mc Ghee
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EISHOCKEY. Der Schweiss fliesst, die Intensität ist hoch. Die Goalies wehren Puck um Puck ab. Donnerstagabend im Eisstadion Davos. Zwölf Torhüter, vom Novizen bis zum NLA-Crack, trainieren unter der Leitung von Marcel Kull. Der 63jährige Herisauer ist der führende Goalie-Trainer im Schweizer Eishockey. Jonas Hiller, Lars Weibel, Leonardo Genoni – alle waren seine Schützlinge.

Sieben Trainingseinheiten bietet Kull zwischen Ende Mai und Ende Juni an. Gilles Senn und Joren van Pottelberghe, die kommende Saison zwischen den Pfosten von Rekordmeister Davos stehen, sind auf dem Eis. Mit ihnen der junge Flavio Allenspach. Der 16jährige Herisauer absolviert in Davos die Handelsmittelschule und spielt bei der Elite des HC Davos. Sein Vater Stefan, Goalietrainer beim SC Herisau, assistiert Kull während der Sommertrainings. Zur beachtlichen Herisauer Fraktion gehören weiter Feldspieler Jens Nater, der als Sparringpartner Puck um Puck aufs Tor schiesst, sowie Kulls Sohn Stefan, der vor dem Stadion die Hamburger fürs späte Abendessen vorbereitet.

Energisch auf dem Eis

Ein Monitor zeigt Zahlen – «Senn: Leistung 88 Prozent/Puls 172. Allenspach: 90/173» Kull arbeitet beim HCD seit Jahren mit Pulsüberwachung. Die Werte seiner Schützlinge sind während des Trainings jederzeit einsehbar. 180, 190 beträgt die Pulsfrequenz der Torhüter in Aktion. In den kurzen Pausen zwischen zwei Übungen sinkt sie auf 130. Kull ist zufrieden. An fünf Stationen lässt er arbeiten. «Wir gehen an den Pfosten ran», lautet die Vorgabe. Auf dem Eis ist er energisch, feuert an, kontrolliert, kritisiert, rotiert: «Gut so! Sei mutig! Nulltoleranz! Greif früher an! Bewegung, Bewegung!» Jeden der zwölf Goalies behält der Trainer im Blick, sucht immer wieder den Augenkontakt. «So entsteht eine Beziehung. Die Augen sagen alles, und ich sehe, was der Goalie braucht.»

Vaterfigur neben dem Eis

So hart der Trainer die Goalies auf dem Eis anpackt, so respektvoll ist der Umgang neben dem Eis. «Im Training ist er mega streng, sonst eine Vaterfigur», sagt Nachwuchskeeper Allenspach. «Es gibt keinen besseren Goalietrainer in der Schweiz», findet sein gleichaltriger Kollege. «Er ist leidenschaftlich und macht sehr viel für seine Goalies», sagt Davos neuer Rückhalt van Pottelberghe. Beruhigend sei es, zu wissen, wen Kull schon trainiert habe.

In Davos steht man am Beginn einer neuen Goalie-Ära. «Ich konnte mich lange auf Genonis Abgang vorbereiten», sagt Kull. Auf so junge Goalies zu setzen – van Pottelberghe war noch nicht mal geboren, als Arno del Curto 1996 beim HCD den Trainerposten übernahm – sei ein Risiko. «Der Druck wird gross sein», weiss Kull. Umso mehr Trainingsqualität fordert er.

Video-Coach Andy Egli hat seinen Bürostuhl mitten auf dem Eisfeld plaziert. Er filmt eine Station. Nach jeder Serie analysieren die Goalies. «Ich sollte unten bleiben, bin mit dem falschen Bein gegangen», stellt Allenspach fest. Die Videos werden zusammengeschnitten und auf eine Plattform geladen. Marcel Kull sichtet alle, gibt den Goalies Rückmeldungen und Aufträge fürs nächste Training.

Off-Ice: Kraft und Koordination

«<Ich kann etwas mehr als der Gegner>, mit dieser mentalen Einstellung müssen Goalies auftreten», sagt Kull. Er arbeitet im Off-Ice-Training mit Nicolas Fischer. Dieser fordert die Goalies zu Beginn und am Schluss der vierstündigen Einheit: Balancieren, Jonglieren, Seilspringen, Einradfahren – die Übungen sind innovativ. Gefragt sind Konzentration, Kraft und Koordination. Fischer über Kull: «Er fordert von den Goalies eine gute Performance, nimmt sie ernst. Und er verfügt über eine riesige Erfahrung.»

Die Hamburger duften, doch vor dem Znacht sagt Kull: «Denk immer daran: Ich bin nur der Choreograph, du bist der Künstler! Dich pfeifen sie aus, ich erhalte nur keinen Auftrag mehr!»

Goalietrainer Marcel Kull fordert von HCD-Nachwuchsgoalie Flavio Allenspach: «Immer in Balance bleiben, angreifen!» Stefan Allenspach (rechtes Bild rechts) beobachtet seinen Sohn. (Bilder: mc)

Goalietrainer Marcel Kull fordert von HCD-Nachwuchsgoalie Flavio Allenspach: «Immer in Balance bleiben, angreifen!» Stefan Allenspach (rechtes Bild rechts) beobachtet seinen Sohn. (Bilder: mc)

Den Angreifer fest im Blick erwartet der Goalie den Schuss.

Den Angreifer fest im Blick erwartet der Goalie den Schuss.

Marcel Kull erklärt die fünf Stationen des Eistrainings.

Marcel Kull erklärt die fünf Stationen des Eistrainings.

Stefan Allenspach kontrolliert seinen Sohn Flavio.

Stefan Allenspach kontrolliert seinen Sohn Flavio.

Trainingsbesprechung in der Gäste-Garderobe des HC Davos.

Trainingsbesprechung in der Gäste-Garderobe des HC Davos.

Ungewohnte Situationen im Off-Ice-Training stärken das Selbstvertrauen.

Ungewohnte Situationen im Off-Ice-Training stärken das Selbstvertrauen.

Video-Coach Andy Egli hat seine Geräte auf dem Eisfeld plaziert.

Video-Coach Andy Egli hat seine Geräte auf dem Eisfeld plaziert.