Der Bittere heisst wieder Ueli

Mitte der 50er-Jahre war er verschwunden, jetzt ist er wieder auf dem Markt: Philip Herrmann hat den Bitterlikör «Ueli Bitter» nach dem Rezept seines Grossonkels wiederbelebt. Mitnichten eine Toggenburger Kopie des «Appenzellers».

Olivia Hug
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Der Bitter mit 25 Volumenprozent aus dem Toggenburg ist beliebt. (Bilder: Olivia Hug)

Der Bitter mit 25 Volumenprozent aus dem Toggenburg ist beliebt. (Bilder: Olivia Hug)

WILDHAUS. Wer genau hinschaut, sieht ihn kurz während der ersten Sekunden des Wahlvideos von Esther Friedli, als sich Partner Toni Brunner unbeholfen am Kochherd versucht: Unscharf ist die Etikette des Kräuterlikörs «Ueli Bitter» zu erkennen. Die Flasche dürfte aus der ersten Produktion von 200 Stück stammen, welche Philip Herrmann alle eigenhändig etikettiert hat. Diese Produktion, zu Beginn des Jahres auf den Markt gekommen, war innert gerade mal sieben Tagen ausverkauft. Klingt nach einem Lucky Punch des Wildhausers. Doch Philip Herrmann verneint: Der «Ueli Bitter» bleibt ein Hobby des Familienvaters und Vollberufstätigen. «Mit den Einnahmen lassen sich die Produktionskosten und Werbeausgaben decken», sagt er.

Am besten eiskalt

Auch nach seiner Wiederbelebung werde «Ueli Bitter» ein Nischenprodukt bleiben, ist Herrmann überzeugt. Und dennoch: Der Bitter mit 25 Volumenprozent aus dem Toggenburg ist beliebt. Etliche Gastronomen und Detailhändler haben ihn in ihr Sortiment aufgenommen, einige ohne das Wissen des Herstellers. «Wer ihn anbietet, findet die Idee dahinter toll und steht hinter dem Produkt», ist Herrmann der Ansicht. Es sind dies vor allem Anbieter im Toggenburg, denn schliesslich passt ein einheimischer Tropfen ins Sortiment. Am besten in das einer urchigen Bergbeiz oder eines Landgasthofes. Dabei passe «Ueli Bitter» zu ziemlich jeder Situation: Als Apéritif, mit Mineral gespritzt zwischendurch oder als Verdauerli nach dem Essen. «Am besten eiskalt, aber nicht auf Eis», rät Herrmann. Das klingt fast nach dem bekannten Appenzeller Pendant. «Man darf die Produkte nicht vergleichen», betont Herrmann. Obschon dies fast alle tun. «Ueli Bitter» sei kein Imitat, schmecke feiner und sei weniger klebrig als gängige Alpenbitter. Auch mit der Anzahl in der Rezeptur enthaltener Kräuter könne «Ueli» mithalten.

Unnötig zu erwähnen, dass diese geheim bleibt.

Fund im Keller

Zurückzuführen ist «Ueli Bitter» auf Ernst Eppenberger, Grossonkel von Philip Herrmann, einst Drogist im Neu St. Johanner Sidwald. In seinem Labor hatte er diesen bis zu seinem Tod 1956 hergestellt. Danach geriet der Kräuterlikör in Vergessenheit. Bis sein Bruder, der ehemalige Tierarzt Willi Eppenberger, heute 93jährig, im Zuge der Aufzeichnungen seiner Vergangenheit wieder darauf stiess. Nach einer Rezeptur suchten die Männer jedoch vergebens: bis sie im Februar dieses Jahres plötzlich eine einzige rund 65jährige Flasche fanden. Sie wagten sich an eine Degustation und waren vom Geschmack begeistert. Mit der Vision, das Genussgetränk wieder zum Leben zu erwecken, wurden sie in Winterthur bei einem Hersteller fündig, der drei Lebensmitteltechnologen einsetzte, um den Zutaten im Bitter auf den Grund zu gehen.

Die erste Charge wurde produziert, Philip Herrmann machte sich ans Marketing. Die einstige Etikette der Ein-Liter-Flasche wurde weitgehend übernommen – mit kleinen Änderungen. So fehlt der Klosterkirche heute der Turm auf der Zeichnung. Der Likör erhielt den Namen «Toggenburg Bitter».

Ausbau im Eichenfass

Seit kurzem heisst er nun wieder «Ueli Bitter», wie vor über 60 Jahren. Dem Original will Philip Herrmann Tribut zollen. Willi Eppenberger hat sich aus dem operativen Geschäft wieder zurückgezogen. Sein Grossneffe kümmert sich um Werbung, bisweilen dessen Vater um den Verkauf. Ein bisschen wachsen dürfe das Geschäft, findet Herrmann, aber nur, solange er sich noch selber darum kümmern könne. Wobei er schon gerne einen dreirädrigen Piaggio als Verkaufsfahrzeug hätte, sagt er augenzwinkernd. Ideen hätte er noch eine Menge, der zurzeit an der Lagerung von «Ueli Bitter» im amerikanischen Roteichenfass tüftelt. Wie wäre es mit einem Bier mit Bittergeschmack oder einem Käse oder einer speziellen Flasche wie zu alten Zeiten? Spannend ist die Zukunft. Wer will, kann bis dahin rätseln, wer der Senn auf dem Etikett ist und wer wohl Ueli gewesen sein könnte.

Philip Herrmann Produzent, Vertrieb und Familienvater (Bild: Olivia Hug)

Philip Herrmann Produzent, Vertrieb und Familienvater (Bild: Olivia Hug)