Der Baumeister des Orchesters

In New York und Kiew hat Matthias Hugentobler aus Stein schon an Orgeln gearbeitet, heute wirkt er hauptsächlich in der Ostschweiz. Gerade revidiert er die Orgel in der reformierten Kirche Trogen. Zu ihr hat er eine Vater-Kind-Beziehung.

Chris Gilb
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Für das Foto in der Orgel der evangelischen Kirche Trogen stellt Matthias Hugentobler seine akrobatischen Fähigkeiten unter Beweis. (Bild: cg)

Für das Foto in der Orgel der evangelischen Kirche Trogen stellt Matthias Hugentobler seine akrobatischen Fähigkeiten unter Beweis. (Bild: cg)

TROGEN. Zwei Berufsideen hat Matthias Hugentobler als junger Mann gehabt: Orgelbauer oder Forstwart. Geworden ist der Steiner Orgelbauer. Mit dem Wald beschäftigt er sich als Hobby. «Orgelbauer kann man bei der nicht immer einfachen Auftragslage nicht nebenher sein, sondern muss sich voll darauf konzentrieren. Das hat den Ausschlag gegeben», sagt Hugentobler. Ausserdem hätten ihn Kirchen schon als Kind fasziniert, unter anderem die versteckten Gänge, die spannende Architektur und die geheimnisvolle Stimmung. Er hätte also auch Turmbauer werden können, doch auch die Orgelmusik habe ihn begeistert. Orgelbauer sei die ideale Kombination. 80 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er nun in Kirchen, stimmt die Orgeln vor Konzerten oder führt Revisionen durch wie gerade in Trogen. «Damit das System einer Orgel erhalten werden kann, benötigt diese etwa alle 20 Jahre eine Revision, dabei ist es hilfreich, sich in den ursprünglichen Baumeister der Orgel hineinversetzen zu können. Oder die Orgel sehr gut zu kennen.» Wie Hugentobler im Falle der frühromantischen Orgel der reformierten Kirche Trogen. 1990 hat er mit seinen Kollegen die grosse Restauration dieser Orgel aus dem Jahr 1894 vorgenommen.

Kletterfähigkeiten gefragt

Die Orgel in Trogen sei eine besondere, die man so nicht mehr häufig finde, sagt der 45-Jährige. «Sie ist sehr kompakt, oftmals stammt bei Orgeln nur noch die Fassade aus der Anfangszeit, das Innenleben aber wurde über die Jahre verändert. Diese Orgel besteht noch fast vollständig aus dem ursprünglichen System.» Dieses System geht über drei Stockwerke und fordert nebst handwerklichem Geschick und viel Intuition auch Kletterfähigkeiten. «Bei der Arbeit in der Orgel kommt mir zugute, dass ich auch noch Alpinist bin», scherzt er. Vielen Leuten sei leider gar nicht bewusst, was eine Orgel für eine komplexes Innenleben habe. Sie würden denken, die Orgel sei nicht mehr als ein Klavier mit einigen Pfeifen dahinter. Doch das stimme nicht, denn eine Orgel zu pflegen, sei wie sich um ein ganzes Orchester zu kümmern, dieses imitiere sie schliesslich. Und so habe er zu mancher Orgel, auch zu jener in Trogen, eine Art Vater-Kind-Beziehung.

Keine Erholung auf der Alp

An seinem Beruf schätze er die Vielfalt: Beim Bau der Orgel werde eher mit grobem Material gearbeitet, beim Stimmen des Instruments gehe es darum, feinste Klangunterschiede herauszuhören. Manchmal braucht Hugentobler trotzdem Abstand, dann geht er auf die Alp. «In einem solch spezialisierten Beruf ist manchmal eine Auszeit nötig, dann gehe ich auf die Alp und käse.» Erholung sei das Käsen aber nicht, Erholung sei die Rückkehr zur Arbeit mit den Orgeln. In Stein, wo er lebt, spielt er in der Kirche auch selbst manchmal Orgel. «Mein Handwerk hat mich zum musikalischen Autodidakt gemacht.» Vor Publikum spielt er aber nur Geige, in der Appenzeller Streichmusik. Hugentobler kümmert sich um rund 150 Kirchenorgeln in seinem Einsatzgebiet der Ostschweiz und Graubünden. Früher war er als Orgelbauer schon in der grossen Welt unterwegs. Heute schätzt er es, näher an seinem Zuhause zu sein. Als er vor 20 Jahren in einer politisch schwierigen Lage an der Orgel in der Philharmonie in Kiew arbeitete, geriet er in eine Passkontrolle und hatte keinen Ausweis dabei. Seine Firma musste ihn aus dem Gefängnis freikaufen. Es sei die reinste Schikane gewesen. «An die Konzertorgel am Broadway in New York habe ich da schon viel schönere Erinnerungen», sagt der Orgelbauer.