Der Appenzeller Kalender feiert sein 300-jähriges Bestehen

Nächstes Jahr erscheint das nicht nur im Appenzellerland beliebte Werk zum 300. Mal in Folge. In all den Jahren hat es einige Veränderungen durchlebt - und nicht zuletzt an Beliebtheit eingebüsst.

Karin Erni
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Die erste Ausgabe des Appenzeller Kalenders erschien 1722.

Die erste Ausgabe des Appenzeller Kalenders erschien 1722.

Bild: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden

Bevor es gedruckte Zeitungen gab, waren Kalender das einzige Informationsmedium der Bevölkerung. Sie berichteten reich ausgeschmückt über teilweise weit zurückliegende Ereignisse. Vor allem aber enthielten sie ein Kalendarium mit vielen Hinweisen über die besten Zeiten zum Anpflanzen, Ernten oder Haareschneiden.

Einem jungen Appenzeller namens Johannes Tobler aus Rehetobel missfielen die fehlerhaften astronomischen Angaben in den bestehenden Kalendern. Der 25-jährige mathematische Autodidakt wollte daher einen eigenen Kalender mit genaueren Prognosen der Finsternisse veröffentlichen. Die Obrigkeit des Standes Appenzell Ausserrhoden entsprach seinem Gesuch. 1722 erschien erstmals der «Alte und Neue Schreib-Calender» mit dem Appenzeller Bär im Wappen. Die Bezeichnung «Alt und Neu» bezieht sich auf den Julianischen und den Gregorianischen Kalender, die parallel verwendet wurden, sodass der Kalender sowohl in katholischen wie reformierten Gebieten Gültigkeit hatte. Dieses Kuriosum blieb bis 1958 bestehen.

Praktischer Helfer im Alltagsleben

In der Gründerzeit des Appenzeller Kalenders spielten der Sonnenlauf, die Himmelszeichen und die «muthmassliche Witterung» eine grosse Rolle. Besonders oft zu Rate gezogen wurden die Pratica. Dabei handelt es sich um «Beschreibung der vier Jahreszeiten», sie enthielten aber auch Hinweise über Misswuchs, Fruchtbarkeit, Gesundheit und Krankheit. Eine ganze Seite war dem Aderlass gewidmet.

In der zweiten Ausgabe wurde der Kalender mit einer internationalen Regententafel ergänzt.

Diese wurde ein Jahr später durch ein Behördenverzeichnis ersetzt, das sich bis heute gehalten hat. Von 1763 bis 1840 war immer auf der letzten Seite das Grosse Einmaleins abgedruckt, später folgte eine Zinsberechnungstabelle, die wohl von den vielen Lesern, die nur wenig Schulbildung genossen hatten, sehr geschätzt wurde. Auch die Geschichten und Illustrationen waren wichtige Komponenten und manche Bilder wurden gar als Wandschmuck in die Stube gehängt. Ende des 18. Jahrhunderts fand auch der Appenzeller Witz Eingang in den Kalender.

Arbeiten wurden beschlagnahmt

Der Kalendermann Johannes Tobler wurde 1723 in den Gemeinderat von Rehetobel gewählt und fünf Jahre später zum Gemeindehauptmann erkoren. 1730 wählte ihn die Landsgemeinde zum Landesfähnrich und zwei Jahre später zum Landeshauptmann. Im Zug des Landhandels, einem Streit zwischen «Harten» und «Linden», wurde er 1732 seines Amtes enthoben. Er zog sich verbittert zurück und widmete sich seiner kleinen Landwirtschaft und der Kalenderarbeit.

Doch die Kalenderarbeit wurde Tobler von der Obrigkeit zunehmend schwergemacht und er musste alle Textbeiträge der Zensur vorlegen.

Toblers Nachfolger als Landammann ging sogar so weit, alles Geschriebene und Gedruckte zu beschlagnahmen und den Autor wegen seiner politischen Ansichten streng zu büssen. Wegen dieser Unterdrückung entschloss sich Tobler 1736, mit seinen sieben Kindern nach Amerika auszuwandern, wo er es in der Folge zu einigem Wohlstand und Ehren brachte.

Sein Nachfolger als Herausgeber des Kalenders wurde der bekannte Chronist, Geograf und Kartenzeichner Gabriel Walser, der als Pfarrer in Speicher amtete. Als er 1745 eine Pfarrstelle in Berneck antrat, nahm sich Ulrich Sturzenegger aus Trogen des Kalenders an. Dieser wurde mittlerweile nicht mehr im deutschen Lindau, sondern bei Ruprecht Weniger in St.Gallen gedruckt. Sturzenegger richtete 1767 in der Neuschwende eine Druckerei ein. Der Kalender wurde unter den fünf weiteren Herausgebern bis 1975 in Trogen gedruckt. In jenem Jahr wechselte die Herausgeberschaft zu Schläpfer & Co AG in Herisau, dem späteren Appenzeller Medienhaus. 1998 kaufte die Firma den Häädler Kalender, der in den Appenzeller Kalender integriert wurde. Nach einem Management-Buyout im Jahr 2014 liegen die Rechte heute beim Appenzeller Verlag in Schwellbrunn.

In mehreren Kantonen der Schweiz herausgekommen

In den 300 Jahren seines Bestehens ist der Appenzeller Kalender lückenlos erschienen. In Franzosenzeit ab 1799 hiess er «Neuer grosser Helvetischer Calender» nach 1803 wurde er stillschweigend wieder umbenannt. In den folgenden Jahren hatte das Werk seine Blütezeit mit einer Auflage von gegen 50000 Exemplaren. Es wurden «Splitausgaben» für die Kantone St.Gallen, Thurgau, Graubünden, Zürich, Schaffhausen und Glarus herausgegeben.

Der Appenzeller Kalender durfte hierzulande während Jahrhunderten in kaum einem Haushalt fehlen. Einen grossen Anteil am Erfolg des Kalenders hatten die Verträger, die damit hausierten. Mit dem Aussterben dieser Spezies ging auch die Auflage des Kalenders stetig zurück. Sie liegt heute bei 15000 Exemplaren.