Der «Alte Säntis» brennt

Warten im Nieselregen auf der Schwägalp ist angesagt. Fritz Nef, Röbi Kuratli und ich suchen Schutz und Licht unter dem Vordach der Station der Säntisbahn. Nef und Kuratli sind Feuerwehrkommandanten von Urnäsch und Hundwil.

Martin Knoepfel
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In der Bergstation der Säntisbahn warten Feuerwehrleute aus Nesslau und Urnäsch mit ihrem Material auf den Befehl zum Einsatz. (Bilder: Martin Knoepfel)

In der Bergstation der Säntisbahn warten Feuerwehrleute aus Nesslau und Urnäsch mit ihrem Material auf den Befehl zum Einsatz. (Bilder: Martin Knoepfel)

Warten im Nieselregen auf der Schwägalp ist angesagt. Fritz Nef, Röbi Kuratli und ich suchen Schutz und Licht unter dem Vordach der Station der Säntisbahn. Nef und Kuratli sind Feuerwehrkommandanten von Urnäsch und Hundwil. Vorgestern abend übten die Feuerwehren Nesslau und Urnäsch gemeinsam den Einsatz bei einem Brand im «Alten Säntis». 68 Feuerwehrleute und Samariter werden daran teilnehmen.

• 19.00 Uhr: In Urnäsch wird der Alarm ausgelöst. In Nesslau kommt er wegen eines Missverständnisses fünf Minuten später an – und stattdessen als echter oder scharfer Alarm. Die Nesslauer fahren deshalb mit Blaulicht auf die Schwägalp. Ob sie viele Autofahrer erschrecken?

• 19.15 Uhr: Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Nefs Funkgerät krächzt plötzlich und will nicht mehr aufhören. Nef hört mit, wie sein Vize Befehle für den Transport der Feuerwehrleute auf die Schwägalp erteilt.

Wenige sind eingeweiht

• 19.20 Uhr: Ein Feuerwehrmann aus Nesslau trifft im Privatauto ein. Zugleich halten Feuerwehrfahrzeuge aus Urnäsch auf dem Parkplatz. Hastig stossen die Mannschaften einen Einachsanhänger mit Pumpe und Schläuchen zum Eingang der Bahnstation. Andere rennen die Rampe herauf und schleppen Atemschutz-Druckflaschen. Sie kommen gehörig ins Schnaufen. Mitarbeiter der Säntisbahn tauchen auf. Sie haben den Alarm per SMS erhalten. Nur wenige Personen, der technische Leiter und der Sicherheitsbeauftragte der Bahn, die Feuerwehrkommandanten von Nesslau, Hundwil und Urnäsch sowie Ruedi Manser, Wirt des Berggasthauses Alter Säntis, sind eingeweiht.

• 19.25 Uhr: Die Feuerwehr Nesslau trifft ein, unter anderem mit einem Tanklöschfahrzeug. Die Feuerwehrleute aus Nesslau und Urnäsch verladen Material in die Kabine der Säntisbahn. Das Ganze ist trotz aller Hektik gut organisiert. Wer und welche Geräte mit der ersten Gondel mitfahren dürfen, ist vorher festgelegt. Auf der Liste stehen unter anderem eine Motorspritze, eine Wärmebildkamera, ein Beatmungskoffer, aber auch Schläuche und Atemschutzgeräte. Offiziere, Unteroffiziere und zehn Atemschutzträger kommen ebenfalls mit. Auch für die Samariterinnen und für mich ist Platz. «Die Motorsäge fehlt», ruft einer.

• 19.35 Uhr: Die Gondel setzt sich in Bewegung. Auch die Motorsäge ist an Bord. Die Offiziere nützen die Fahrt zu Absprachen, wer auf dem Berg was tut. Die Stimmung in der Kabine ist gelassen. Die meisten vermuten mittlerweile, dass es sich «nur» um eine Übung handelt. Einer vermisst seinen Helm, doch der findet sich wieder. Bei Stütze Zwei durchstösst die Gondel den Nebel. Ein phantastischer Sonnenuntergang zieht alle in seinen Bann.

Gasthaus absuchen

• 19.45 Uhr: Wir treffen in der Bergstation ein. Das Ausladen dauert nur wenige Minuten. Die Feuerwehrleute wissen offensichtlich, was sie zu tun haben. Vier Mann schnappen sich die Motorspritze und tragen sie ins Freie. Die Anstrengung ist in ihren Gesichtern geschrieben. Andere ziehen im Licht der Taschenlampen Schläuche durch die Galerie zum «Alten Säntis» und kuppeln sie aneinander.

• 20.05 Uhr: Ich renne hinterher und bekomme gerade noch mit, wie ein Trupp sich bereit macht, das Berggasthaus systematisch nach Vermissten abzusuchen. Die Feuerwehrleute tragen Atemschutzgeräte, da das Gebäude im Ernstfall raucherfüllt wäre. Wenn sie eine Etage durchsucht hat, meldet sich die Suchequipe per Funk. Die Schläuche ringeln sich auf der Terrasse des «Alten Säntis» wie rote Schlangen. Einige Gäste stehen vor dem Haus und verfolgen das Spektakel. Zum Beispiel Patrick Müller aus Ennetbaden mit seiner Gattin Manuela und den Töchtern Sina und Dominique. Dominique sitzt auf dem Arm ihres Vaters und hat keine Angst. Ein Feuerwehrmann warnt die Zuschauer, sie könnten nass werden. Zwei Samariterinnen kommen und fragen die Kinder, ob es ihnen gut geht. Ein Mädchen bejaht und möchte wissen, ob die Samariterinnen eine Bahre dabei haben und wie gross diese ist. Die Bahre sei in der Bergstation, sagen die Frauen. Dort hätten sie ebenfalls Sugus für die Kinder.

• 20.10 Uhr: Wasser spritzt aus den Rohren. «Wäschst du die Felsen?», fragt ein Feuerwehrmann seinen Kameraden. Fünf Minuten später trifft die zweite Gondel mit noch mehr Material und Feuerwehrleuten ein. Zehn Minuten später wird die Übung abgebrochen. Die Feuerwehrleute bringen das Material zurück in die Bergstation und warten vor dem Berggasthaus. Einige rauchen. Die Offiziere besprechen die Übung. Vor der Talfahrt gibt's einen Imbiss, Siedwürste mit Kartoffelsalat. Das ist lecker.

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