Denkpause im Energietal undenkbar

Geht es nach den Künstlern Frank und Patrik Riklin, soll im Juli im ganzen Toggenburg jeden Tag für eine Stunde der Strom abgestellt werden. Sie übertragen damit ihre umstrittene Idee vom Dorf Mels auf das Energietal. Diese stösst im Toggenburg ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Matthias Giger
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Die St. Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin haben ihre Idee vom Dorf Mels auf das Energietal Toggenburg übertragen. (Bild: Michel Canonica)

Die St. Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin haben ihre Idee vom Dorf Mels auf das Energietal Toggenburg übertragen. (Bild: Michel Canonica)

Toggenburg. Energietal Toggenburg will im Tal Energie sparen. Die Künstler Frank und Patrik Riklin möchten dem Förderverein dabei unter die Arme greifen. Nachdem in Mels über den täglichen Stromausfall von 10 Minuten während mehrerer Monate abgestimmt und dieses Vorhaben höchstwahrscheinlich abgelehnt wird, verordnen Riklins nun dem Toggenburg eine Denkpause. Aufgegeben haben die Riklin-Brüder ihr Projekt in Mels damit aber noch nicht. «Es ist eher eine Expansion unserer Idee von einem Dorf auf ein ganzes Tal.

Wir haben von der Vorreiter-Rolle des Fördervereins Energietal Toggenburg erfahren. Das Tal ist also wie geschaffen für unser Kunstprojekt», sagt Frank Riklin.

Im verordneten Stromausfall sehen die Brüder eine Chance. Die Einwohner des Toggenburgs würden durch den einstündigen Verzicht diesen Juli merken, in welchen Bereichen sie gut auf Strom verzichten könnten – eine Denkpause, um den eigenen Energieverbrauch zu reflektieren also.

Dass der Stromausfall eine geschlagene Stunde dauern soll, statt 10 Minuten wie in Mels, habe zwei Gründe. «Der lange Ausfall kann nicht einfach so überbrückt werden. Der zweite Grund ist die Menge an Energie, die dadurch eingespart werden kann», sagt Frank Riklin.

Kunstaktion ist keine Lösung

Thomas Grob Präsident des Fördervereins Energietal Toggenburg hält wenig von dieser Unterstützung seitens der beiden Künstler: «Wir wollen unser Ziel nicht dadurch erreichen, dass wir jeden Abend für eine Stunde den Strom abstellen.

» Es gehe darum, Sparpotenziale zu nutzen und den Stromverbrauch über den gesamten Tag zu senken, führt er aus. Auch wenn bei der Kunstaktion ohne Zweifel eine Menge Strom eingespart würde, sei dies der falsche Weg und ein zu grosser Einschnitt in die individuelle Freiheiten der Leute. «Mit derselben Argumentation könnte man einen Monat lang für eine Stunde täglich alle Strassen sperren», sagt Thomas Grob. Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung zu motivieren und nicht, sie wütend zu machen.

Fussball-WM – geht's noch?

Wie eine Umfrage in Wattwil zeigt, ist die Bevölkerung mehrheitlich wenig angetan. Eine Passantin meint, sie fände die Idee im Grunde nicht schlecht. Sie sorge sich aber um ihren Gewerbebetrieb. Ihr Mann sei Metzger und die Vorräte im Kühlraum wären durch den Stromausfall gefährdet. Eine Gruppe Jugendlicher fände es hingegen gut, einmal «gezwungen zu sein», sich eine Alternativ-Beschäftigung zur Spiel-Konsole zu suchen.

Ein weiterer Passant ärgert sich: «Geht's eigentlich noch? Sollen etwa alle Toggenburger nach Wil fahren, um die Fussball-WM-Finalspiele geniessen zu können – ein schöner Denkanstoss – von wegen Energie sparen.» Ein Gedanke, der einigen Passantinnen hingegen nicht unsympathisch ist. Doch auch sie finden, dass ein einstündiger Stromausfall eindeutig zu weit ginge.

Kraftwerke sehen nur Probleme

Die St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) nimmt zu den Expansionsplänen von Frank und Patrik Riklin in einer Pressemitteilung Stellung. Darin heisst es: «Die SAK erachtet die geplante Kunstaktion im Toggenburg aus technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen als nicht durchführbar.» Weiter heisst es, es liege zwar im Interesse der SAK, wenn sich der Stromverbrauch senkt. Die SAK sei kein gewinnorientiertes Unternehmen.

Stromausfälle – egal ob geplant oder nicht – würden jedoch dem Gewerbe und der Industrie in erheblichem Masse schaden und seien auch für die Bevölkerung ein Ärgernis, das es mit allen Mitteln zu verhindern gilt.

Von den angefragten Gemeindepräsidenten und Gemeindepräsidentinnen kann sich niemand für das Projekt begeistern. Sie verweisen auf ihre Aufgabe, die Interessen der Einwohner ihrer Gemeinde zu vertreten. Eine Abstimmung, wie sie die Konzeptkünstler aus St.

Gallen in Mels in Eigenregie durchführen wollen, sieht keiner der Gemeindepräsidenten und Gemeindepräsidentinnen als gültig und verbindlich an. Eine Abstimmung wie in Mels planen die Riklins im Toggenburg aber auch nicht. «Der Aufwand wäre zu gross, da es sich nicht um eine einzelne Gemeinde, sondern um mehrere handelt. Wir beschränken uns daher auf Informationsabende im April und werden vor Ort abstimmen», sagt Frank Riklin.

Wenn sowohl die Toggenburger als auch die Melser die Denkpause dankend ablehnen, so bedeute auch dies nicht das Ende des Kunstprojektes. «Wir haben eine konkrete Anfrage aus einer Stadt in Deutschland mit 350 000 Einwohnern», erzählt Frank Riklin. Der Bürgermeister habe sie angefragt, nachdem er durch den Medienrummel auf das Projekt aufmerksam geworden war.

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