Den Tag...

Langsam aus einem Albtraum erwachend registriere ich ein lästiges Piepen. Ich habe kaum geschlafen; ich spiele mit dem Gedanken, den Wecker zu ignorieren und die Uni für einmal zu schwänzen.

Hannes Weber
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Appenzeller Zeitung (Bild: Hannes Weber)

Appenzeller Zeitung (Bild: Hannes Weber)

Langsam aus einem Albtraum erwachend registriere ich ein lästiges Piepen. Ich habe kaum geschlafen; ich spiele mit dem Gedanken, den Wecker zu ignorieren und die Uni für einmal zu schwänzen. Da durchzuckt mich eine unangenehme Erinnerung: Heute nachmittag muss ich ein Referat halten! Also raffe ich mich auf und torkle müde in Richtung Dusche. Als ich kurze Zeit später klitschnass darunter stehe, merke ich, dass ich das Duschmittel bei meinem gestrigen Einkauf vergessen habe – Deo muss wohl reichen. Die einzige Substanz, die jetzt noch hilft, ist Koffein. Schon auf halbem Weg in die Küche kriecht eine Ahnung in mir hoch, die nach einem Blick in die Kaffeebüchse zur Gewissheit wird: Kein Kaffee mehr. Kein Kaffee mehr! Die Welt verfluchend packe ich meine sieben Sachen und renne zum Bus, der mir – man wird es bereits erahnen – vor der Nase wegfährt. Im nächsten Bus bin ich umringt von schreienden Kindern und entnervten Müttern, was definitiv Eiszeit für meine Laune bedeutet. An der Uni angekommen hole ich mir (endlich!) einen Kaffee, das erste Erfolgserlebnis? Denkste. Beim Versuch, in einer Minute drei Stockwerke hochzulaufen, rempelt mich kurz vor dem Ziel ein ebenfalls Zuspätkommender an. Die heisse Brühe schwappt über den Becherrand und auf mein Bein. Der folgende Toilettenbesuch ist von Fluchworten begleitet, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie in meinem Wortschatz existieren. Als ich endlich und natürlich zu spät ins Seminar komme, bin ich wohl ähnlich entnervt wie die Mütter im Bus. Da fehlt gerade noch, dass der Dozent mich wohl für mein Zuspätkommen bestrafen möchte und mir andauernd Fragen zum Text stellt, die ich nicht beantworten kann. Und so geht es weiter: Das Essen in der Mensa ist miserabel, mein Referat im Nachmittagsseminar eine kleine Katastrophe. Ich verheddere mich dauernd und sehe in den fragenden Gesichtern, dass mir niemand folgen kann. Mein einziger Gedanke nach dem Seminar: nach Hause gehen. Schlafen. Ein Tag zum Vergessen! Ich will gerade in den Bus steigen, da höre ich hinter mir meinen Namen. Nach anfänglichen Ablehnungsversuchen lasse ich mich schliesslich überreden, noch auf ein Bier zu gehen. Es wird geredet, gelacht, getrunken, und plötzlich scheint der Gedanke, nach Hause zu gehen und zu schlafen, völlig absurd. Ich entspanne mich langsam. Es wird ein toller Abend mit vertrauten Gesichtern, neuen Freunden und tiefgründigen Gesprächen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben? Manchmal sollte man den Tag auch nicht vor dem Abend verfluchen!