Den (Durch-) Blick fürs Wesentliche

SPEERSPITZ Kürzlich machte mich ein Besucher bei mir zu Hause diskret darauf aufmerksam, dass meine Fensterscheiben auch wieder einmal etwas Wasser und Seife vertragen würden.

Urs M. Hemm
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Bild: Urs M. Hemm

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SPEERSPITZ

Kürzlich machte mich ein Besucher bei mir zu Hause diskret darauf aufmerksam, dass meine Fensterscheiben auch wieder einmal etwas Wasser und Seife vertragen würden. Zugegeben: Der Blick durch meine Fenster ist ein wenig getrübt, aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Dennoch: Dass meine Fenster nicht geputzt sind, hat nichts damit zu tun, dass ich es nicht könnte. Noch immer klingen die Tips meiner Grossmutter selig in meinen Ohren, beispielsweise ja immer dem Wasser einen Spritzer Spiritus beizufügen, um Streifen zu vermeiden. Sollte die Scheibe dennoch nicht restlos glänzen, empfahl sie, mit zusammengeknülltem Zeitungspapier kräftig nachzureiben. Meine ungeputzten Fenster haben mehr mit ökonomischen Überlegungen zu tun. Denn ich wohne direkt an einer Hauptstrasse. Jeder, der an ähnlicher Lage wohnt, wird mir bestätigen können, dass innert kürzester Zeit Fensterrahmen, -scheiben und -simse wieder von schwarzem Strassenstaub verdreckt sind. Für manchen mag gerade dieser Umstand Ansporn sein, meinetwegen wöchentlich oder monatlich dem Dreck zu Leibe zu rücken, um stets freien Blick zu haben. Nach meinem Dafürhalten jedoch sind Aufwand und Ertrag in einem derartigen Ungleichgewicht, dass ich es für mich nicht verantworten könnte. Kommt hinzu, dass unter meinen Fenstern Autos parkiert sind, deren Besitzer sich wohl bei mir bedanken würden, wenn regelmässig schwarzes Fensterputzwasser auf ihre frisch polierten Karosserien tropfen würde. Ansonsten ist meine Wohnung stets geputzt und mehr oder weniger aufgeräumt, so dass es in der Beziehung keinen Anlass für abfällige Äusserungen gibt.

Als grundsätzlich unordentlich würde ich mich also wegen meiner nicht so sauberen Fenster nicht einstufen. Handlungsbedarf besteht für mich aber spätestens dann, wenn ich ein Fenster öffnen muss, um festzustellen, ob die Sonne schon aufgegangen ist.

urs.hemm@toggenburgmedien.ch