Dem Hundehimmel ganz nah

In der Tierklinik Nesslau kümmert sich ein ganzes Team darum, verletzte Katzen, Hunde, aber auch andere Tiere zu behandeln. Neben Operationen stehen beispielsweise auch Impfungen auf dem Programm. Ausserdem kümmert man sich auch um die Tiere des Tierheims.

Katharina Rutz
Drucken
Teilen
Für eine Operation ist die Zusammenarbeit des ganzen Teams wichtig. Nicht selten gibt es deshalb lange Arbeitstage, die nicht geplant sind. (Bilder: Katharina Rutz)

Für eine Operation ist die Zusammenarbeit des ganzen Teams wichtig. Nicht selten gibt es deshalb lange Arbeitstage, die nicht geplant sind. (Bilder: Katharina Rutz)

NESSLAU. Pepita liegt auf dem Operationstisch. Ihr Vorderbein ist rasiert und orange vom vielen Desinfektionsmittel. An ihrem Hinterbein klafft eine offene Wunde. Pepita ist ein halbes Jahr alt und ein Retro-Mops. Sie hatte einen Autounfall und landete am Mittwoch als Notfall in der Tierklinik Nesslau. Nun wird sie bald operiert, und obwohl es sich um eine nicht ganz einfache Operation handelt, stehen ihre Chancen auf Heilung gut.

Freude und Leid sind nah

Anders ergeht es einer kleinen, schon etwas älteren Yorkshire-Terrier-Dame. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt und wird an diesem Nachmittag von ihren Leiden erlöst. Ihre Besitzerin ist bestürzt, bereits die Mutter des Hündchens hat sie an den Krebs verloren.

Freude und Leid sind in der Tierklinik Nesslau nahe beieinander. Das Tor zum «Hundehimmel» ist deshalb bisweilen nah. Doch manchmal fühlen sich die Hunde vielleicht auch aus anderen Gründen wie im Himmel, wenn sie nämlich freudig die Streicheleinheiten und Guzis von Tierarzt Daniel Leutenegger erwarten. Pepita auf jeden Fall ist ganz begeistert von «ihrem» Chirurgen. Die Schmerzen bremsen ihre Lebensfreude nicht.

Ihre Röntgenbilder zeigen zwei komplizierte Knochenbrüche. Schwierig zu operieren sind sie, weil der Knochen ganz in der Nähe der sogenannten Wachstumsfuge gebrochen ist. «Wenn ich diese während der Operation verletze, kann das Bein unter Umständen nicht mehr weiterwachsen», so Daniel Leutenegger. Keine Sorgen über die Operation macht sich seine Frau und Tierärztin Carla Leutenegger. «Mein Mann ist gut», sagt sie schlicht. Und dank des regen Zulaufs, den die Tierklinik von Patienten aus der ganzen Ostschweiz hat, bleibt Daniel Leutenegger auch in Übung. Mehrere orthopädische Operationen an Knochen, Gelenken und Wirbelsäule führt er pro Woche aus. Ausserdem ist er spezialisiert auf Neurochirurgie, zum Beispiel Bandscheibenoperation, nebst den unzähligen anderen kleineren und grösseren Operationen, die das Klinikteam durchführt.

Da Pepita als Notfall in die Klinik kam, operiert er sie noch am selben Abend nach Schluss der Sprechstunde. Die tiermedizinische Praxisassistentin Melanie Haab bereitet das Hündchen vor. Es liegt bereits in Narkose, und sein Vorderbein – Elle und Speiche sind gebrochen – ist rasiert. Nun desinfiziert Melanie Haab das Beinchen in mehreren Schritten. Währenddessen wäscht sich Daniel Leutenegger die Hände – sehr lange und sehr gründlich. Alles muss steril sein. Katrin Eugster assistiert ebenfalls. Sie ordnet die Instrumentenkoffer und die sterile Kleidung neben dem Operationstisch. Dann wird das Hündchen mit mehreren Tüchern zugedeckt, bis nur noch die Stelle, an der operiert wird, zugänglich ist. Melanie Haab überwacht Pepita während der Narkose, und Katrin Eugster reicht dem Arzt die Instrumente, spült die Wunde und tupft das Blut weg. Die Knochen von Elle und Speiche haben sich übereinandergeschoben. Obwohl Pepita recht klein ist, benötigt Daniel Leutenegger einiges an Muskelkraft, um die Knochen wieder zu richten. Danach verschraubt er sie mit einer Platte.

Er bringt an Elle und Speiche je eine Platte an. «Zur Sicherheit», sagt er, denn normalerweise würde nur die Speiche verschraubt. Da es sich um einen jungen Hund handelt, wird Daniel Leutenegger die Platten nach Heilung des Bruches wieder entfernen.

Die Schrauben bohrt der Arzt durch den gesamten Knochen, der innen hohl ist. Ein Loch bohren, das Gewinde in den Knochen drehen und die Schraube einsetzen. Daniel Leutenegger arbeitet langsam und sorgfältig, egal, wie spät es an diesem Abend noch wird. Nach dem fertig operierten Bruch näht er die offene Wunde am Hinterbein. Auch dort ist das Bein noch gebrochen. Diese Operation hat er aber auf den nächsten Tag angesetzt. Nach der OP wird sofort geröntgt. Die Platten zeichnen sich deutlich auf dem Röntgenbild ab. Danach kommt Pepita in ihre Box, wo sie die ganze Nacht mittels Kamera von Leuteneggers Zuhause aus überwacht werden kann.

70-Stunden-Wochen normal

Der Arbeitstag endet für Tierarzt Daniel Leutenegger und sein Team an diesem Mittwoch gegen 22 Uhr. Am nächsten Morgen steht er wieder um 7 Uhr in der Klinik und versorgt die stationären Patienten, bevor noch vor 8 Uhr die Sprechstunden beginnen. Bis zu 70 Stunden Arbeitszeit pro Woche sind normal für das Tierarztpaar. Die Tierklinik beherbergt eine Kleintier- und eine Grosstierklinik unter ihrem Dach. Carla und Daniel Leutenegger sind Inhaber seitens der Kleintiere. Ihnen zur Seite stehen die Tierärztinnen Annamaria Manini und Ursina Tröndle. Insgesamt arbeiten 23 Mitarbeiter in der Tierklinik. Davon kümmern sich vier Tierärzte um die Kleintiere und fünf um die Grosstiere. Vier tiermedizinische Praxisassistentinnen ermöglichen die Arbeit der Tierärzte. Als Lehrbetrieb bildet die Tierklinik zudem drei tiermedizinische Praxisassistentinnen aus, und auch das Tierheim beschäftigt zurzeit zwei Tierpfleger-Lehrlinge. Zum Team gehören zudem die Bürokräfte, die Tierheimleiterin, die Hundecoiffeuse und drei Raumpflegerinnen. «Die Arbeit in diesem ausgezeichneten Team bereitet immer wieder Freude», sagt Daniel Leutenegger.

Am Freitagmorgen hat Pepita beide Operationen hinter sich und wartet putzmunter auf ihr Gutzi, nachdem sie Daniel Leutenegger untersucht hat. Danach darf sie mit Stefanie Kempf, der leitenden tiermedizinischen Praxisassistentin, nach draussen zum Pinkeln. Dazu hat sie aber fast keine Zeit, muss sie doch, so lebhaft, wie sie ist, auf drei Beinen und hinkend herumtoben. Kaum zu glauben, dass dieses Hündchen zwei schwierige Knochenoperationen hinter sich hat. «Wie die Menschen gehen auch die Tiere unterschiedlich mit ihrer Krankheit um. Einige sind wahre Kämpfer, andere ergeben sich eher», so Daniel Leutenegger. Wichtig sind natürlich auch die Besitzer. Der Tierarzt ist auf ihre Beschreibung über den Zustand des Tieres angewiesen. «Ich fühle mich dann bisweilen wie ein Kinderarzt», sagt er.

Lebensqualität entscheidet

Schwierig sind für ihn die Entscheidungen, wie weit man bei einem Tier noch gehen soll. «Entscheidend ist die Lebensqualität des Tieres nach der Behandlung.» Möglich ist sehr vieles in der Tierklinik Nesslau. «Wir können jegliche Operationen durchführen, die Tiere stationär hierbehalten, haben ein gut eingerichtetes Labor, und das alles an einem Ort. Zudem betreiben wir einen 24-Stunden-Notfalldienst 365 Tage im Jahr», sagt Daniel Leutenegger. Und so sind denn auch die Fälle, die in der Tierklinik Nesslau behandelt werden, sehr vielfältig. Häufig erhalten sie auch Patienten von anderen Tierärzten überwiesen.

Da ist beispielsweise die Katze Mimosa. Sie leidet unter einer Herzinsuffizienz und hatte Wasser auf der Lunge. «Ausserdem ist es schwierig für mich, die Medikamente zu geben», zeigt sich ihre Besitzerin besorgt. Doch Daniel Leutenegger misst nicht nur den Blutdruck und stellt fest, dass der Kreislauf von Mimosa zurzeit den Umständen entsprechend gut arbeitet, er gibt auch Tips zur Verabreichung des Medikaments. «Geben Sie die Tropfen auf die Pfote, dort lecken die Katzen diese bisweilen ab. Oder in Kaffeerahm – eine Delikatesse für die Vierbeiner.»

Chuda ist eine Hündin aus Polen, die an Krebs erkrankt ist und zur Chemotherapie regelmässig in die Tierklinik kommt. Schon einmal hat sie den Krebs therapiert, doch nun ist er zurückgekommen. «Doch sie zeigt noch viel Freude am Leben, und so lange werde ich mit der Therapie weitermachen», sagt die Besitzerin. Sie findet, dass die liebenswürdige, zurückhaltende Hundedame es verdient hat, nachdem sie in Polen wohl nicht viel Schönes erlebt habe. Die Chemotherapie konnte am Mittwoch nach der Blutuntersuchung wegen schlechter Werte nicht durchgeführt werden. An diesem Freitag ist aber alles gut, und die Hündin erhält ihre Spritze mit dem Medikament. Anders als bei Menschen verlieren Hunde ihre Haare durch eine Chemotherapie nicht. Sie müssen auch kaum erbrechen. «Das Fellwachstum funktioniert bei Hunden und Katzen anders als das Haarwachstum beim Menschen», erklärt Carla Leutenegger.

Meerschweinchen als Patienten

Nicht nur Katzen und Hunde gehören zu den Patienten in der Kleintierklinik. Meerschweinchen Sugus hat einen Termin, weil es nicht mehr richtig frisst. Es stellt sich heraus, dass es einen Zahnarzt braucht, der ihm die Zähne schleift. Auch das übernimmt Carla Leutenegger. Auch werden Exoten als Haustiere laut Daniel Leutenegger immer häufiger. Von Patient zu Patient ohne Pause gehen Carla und Daniel Leutenegger, und meistens brauchen sie nicht mal einen Blick in die Krankenakte zu werfen, um zu wissen, ob es sich um eine Kniescheibenoperation bei einem Papillon oder eine Entzündung der Pfotenballen bei einem Boxer handelt.

Oftmals kommen die Kunden auch für ganz alltägliche Dinge in die Klinik, auch von weiter her. So beispielsweise ein Paar aus dem Thurgau mit einem jungen Hund zum Impfen. Die beiden freuen sich, Carla Leutenegger zu sehen, haben sie doch eine gemeinsame Leidenszeit hinter sich. Denn auch den Tierärzten geht es sehr nahe, wenn sie Patienten verlieren. So ist der Vorgängerhund an einer Vergiftung eingegangen, obwohl es einige Zeit Hoffnung für ein Überleben gab. Gefressen hat der Hund Pellets eines biologischen Düngemittels in einem Rebberg.

Tiere suchen gute Plätze

Zum täglichen Brot der Kleintierärzte gehören auch Kastrationen. Und nicht immer sind dies Tiere von verantwortungsbewussten Haltern, die beispielsweise ihren Appenzeller-Mix mit sieben Monaten kastrieren lassen. Oft müssen Carla und Daniel Leutenegger Tiere aus dem der Klinik angegliederten Tierheim kastrieren oder verwilderte Katzen. Auch die sechs dreiwöchigen Katzenbabies, die von den tiermedizinischen Praxisassistentinnen von Hand aufgezogen werden, stammen von einer verwilderten Hauskatze, die kastriert wurde. Dabei wurden die Katzenbabies per Kaiserschnitt entbunden. Da die Katze aber so wild war, dass sie nicht gezähmt werden konnte, wurde sie wieder in die Freiheit entlassen. Die Katzenbabies suchen nun gute Plätze. Genauso wie jährlich Dutzende von Tieren aus dem Tierheim.

Letztes Jahr wurden fast 200 Haus- und Heimtiere und rund 30 Igel in der anerkannten Igelstation betreut. Jährlich werden es mehr, und auch die Kosten steigen. Das Tierheim wird von den Inhabern der Tierklinik getragen und ist defizitär. Spenden sind immer willkommen. «Es ist unser Ferienhaus», seufzt Carla Leutenegger. Aber dann lächelt sie und sagt: «Dafür komme ich in den Hundehimmel.»

Viele Tiere spüren instinktiv, dass ihnen hier geholfen werden kann.

Viele Tiere spüren instinktiv, dass ihnen hier geholfen werden kann.

Junge Katzen müssen im Tierheim von Hand «geschöppelt» werden.

Junge Katzen müssen im Tierheim von Hand «geschöppelt» werden.