Dekadenz auf dem Vormarsch

Brosmete

Erich Fässler
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Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich ist es. Die alten Römer und Nero insbesondere sollen es gewesen sein. Die ­Managerlöhne und Boni sind es. Auch der Umgang mit Lebensmitteln in den Industrieländern oder die Entwicklung der Sitten erscheinen als Verfall. Niedergang ist Reizwort und Wahrnehmung unserer Zeit. Moralvorstellungen wurde längst Adieu gesagt. Werte sind nicht mehr gültig und Fakten zählen nichts. Verantwortung wird ans System delegiert statt persönlich wahrgenommen. Der Blick, so heisst es, müsse in die Zukunft gerichtet werden. Vergangenheitsbewältigung, so die implizite Botschaft, könne getrost aussen vor bleiben.

Wir haben eine Art Lust am Untergang entwickelt. Wir fassen nicht mehr das Grosse Ganze ins Auge. Wir haben eine kulturelle Höhe und einen Status erreicht, dass uns nichts anficht. Hedonistischer Lebensgenuss ist Ausfluss von Sicherheit und Wohlstand. In jeder Genussgesellschaft kann sich Dekadenz ausbreiten. Das Bewusstsein von Verfall steckt in allem und allen. Viel Zeit bleibt nicht.

Warum mich Dekadenz beschäftigt? Auf dem Spaziergang muss ich meinen Hund im Auge behalten, auf dass er nicht macht, wo er nicht sollte. Aufpassen, dass ich alles sehe, was er macht, und es schnell einsacken kann. An einem hell heiteren Freitag im Mai springen zwei junge Männer über die Weissbadstrasse, hüpfen über den Hag, hasten den Hang halb hoch, lassen die Hosen runter, strecken ihre blutten Ärsche in den blauen Himmel und lassen sich von Kollegen vor dem Rössli unter allseitigem Gegröle filmen, mit Zoom fotografieren und wohl auch «posten». So wenig Verstand und so wenig Anstand verdienten «e paari uf’s baa Födle». Auf diese Art «Födle z’ zäge», zeigt die moralisch-sittliche Enthemmung. Null Wissen und Verständnis für die andere Lesart von «Födle haa ond Födle zäge».

Erich Fässler