Dejan der Grieche und Künstler

Bevor man Dejan Suvajac eine Frage stellen kann, stellt er einem zehn. Aus seinen Recherchen baut der wissbegierige 23-Jährige Themen-Böscheli, die er ab nächstem Dienstag in der Bibliothek Hauptpost am Bahnhof St. Gallen ausstellt.

Chris Gilb
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Suvajac in der Holzwerkstatt des Werkheims Neuschwende: Zusammenschnüren müssen die Betreuer die Böscheli, den Rest macht er selbst. (Bild: cg)

Suvajac in der Holzwerkstatt des Werkheims Neuschwende: Zusammenschnüren müssen die Betreuer die Böscheli, den Rest macht er selbst. (Bild: cg)

TROGEN. Als erstes will Dejan den Namen seines Gesprächspartners wissen, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich frisch kennenlernt. Dass er einem vielfach anschliessend die eigene Adresse nennen kann, sogar den Namen des Ehepartners und jene der gesamten Nachbarschaft weiss, verwundert hingegen. Es sind vor allem exotische Namen, die es dem 23-Jährigen angetan haben, er freut sich wie ein Kind, wenn er sie bei seinen Studien von Telefonbüchern entdeckt. Vor allem für griechische Namen hat er ein Faible. Wieso Suvajac diese Faszination für die griechische Sprache hat, weiss auch seine Betreuerin im Werkheim Neuschwende in Trogen, Angelika Thürlemann, nicht: «Manchmal erzählt er von einer Griechin, die ihm im Traum begegnet sei, mehr konnten auch wir bisher nicht herausfinden.» Doch Dejan Suvajac ist nicht Grieche, sondern Schweizer – seine Eltern stammen aus Bosnien. Der junge Mann hat seit seiner Geburt grosse Sehschwächen, sein Gesicht berührt fast den Text, wenn er liest, und er ist Autist.

Berührende Kunst

Lesen und schreiben hat Suvajac an der Heilpädagogischen Schule St. Gallen (HPS) gelernt. Seit fünf Jahren lebt er nun im Werkheim Neuschwende in Trogen und arbeitet in der dortigen Holzwerkstatt. «Anfangs haben wir nicht gewusst, wo wir Dejan einsetzen sollen, er fühlte sich in keiner der Werkstätten richtig wohl, sprach aber trotzdem davon, mit Holz arbeiten zu wollen.» Doch die Geräuschkulisse in der Holzwerkstatt störte den Autisten. Er sei schnell unruhig geworden. Um sich zu beruhigen, habe sie ihn auf eine Bank im Garten gesetzt. Hölzer brechen war das einzige, was er dort störungsfrei machen konnte. «Aus Intuition habe ich ihn gefragt, ob er mir auf einen Zettel zwanzig Wörter schreiben könne, die ihm guttun.» Dejan habe Wörter aufgeschrieben wie Vertrauen und Freundschaft. Wörter, die Thürlemann tief berührt hätten. «Um den Bogen zur Holzwerkstatt zu spannen, bat ich ihn, die Wörter auf selbstgesägte Holzscheite zu schreiben. Ich kaufte ihm das Paket für fünf Franken ab. Es war wie ein Ritual für mich, die beschrifteten Holzscheite zu Hause zu verfeuern», sagt Thürlemann. In zwei Jahren hat Suvajac nun an die 150 dieser Themen-Böscheli gebaut – viele auf Auftrag.

Neue Besucher dank Suvajac

Die Leute teilen Dejan ein Thema mit, er macht sich dann Gedanken darüber – recherchiert, und wenn ihm keine Assoziationen mehr einfallen, können seine Arbeitskollegen aus dem Werkheim mitmachen. Auf dem Böscheli zum Thema Freundschaft steht etwa Zuversicht, gut kennen oder miteinander. Für zwanzig Franken verkauft das Werkheim die Böscheli. «Dejan zaubert den Menschen regelmässig ein Lächeln aufs Gesicht, sein ungehemmter Umgang mit den Themen hat etwas Befreiendes für sie», sagt Thürlemann. Suvajacs Kunden kämen oft persönlich ins Werkheim, der schöne Nebeneffekt sei, dass sie so auch andere Bewohner kennenlernten.

Suvajac liebt Bibliotheken, er scannt ganze Wälzer in kurzer Zeit nach seinen Signalwörtern. Aus seiner Zeit an der HPS kennt er die Bibliothekarinnen der neuen Bibliothek in der Hauptpost. Diese soll nach Meinung der Verantwortlichen eine Begegnungszone sein, auch mit Menschen wie Suvajac. Vom 20. Oktober bis 7. November werden die Böscheli dort zu sehen sein. An den Nachmittagen des 23. und 27. Oktobers und 4. Novembers ist Suvajac vor Ort und demonstriert sein Handwerk.

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