DEGERSHEIM: Plötzlich regnete es Zwiebeln

Bettina Flick war schon einmal in Palästina, stand als Menschenrechtsbeobachterin für Peace Watch Switzerland im Einsatz. Jetzt weilt sie neuerlich dort. Drei Monate wird sie bleiben – trotz der politischen Lage.

Andrea Häusler
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Die Degersheimer Theologin Bettina Flick (links) mit einer weiteren Menschenrechtsbeobachterin nach den gewaltsamen Ausschreitungen in Hebron. (Bilder: PD)

Die Degersheimer Theologin Bettina Flick (links) mit einer weiteren Menschenrechtsbeobachterin nach den gewaltsamen Ausschreitungen in Hebron. (Bilder: PD)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Den Zeitpunkt ihres Abflugs wollte Bettina Flick nicht nennen, erst nach der Ankunft in Palästina über ihren Einsatz sprechen. In der Vergangenheit sei es vorgekommen, dass von Peace Watch Switzerland entsandten Menschenrechtsbeobachtern die Einreise verwehrt worden sei, sagt sie. Dabei ist die Mission eine ausgesprochen friedliche. «Es geht nicht um Politik, sondern um die Menschen», macht Bettina Flick klar. Die Spannungen im Nahen Osten blieben, unabhängig von der Anwesenheit der Menschenrechtsbeobachter. Für die Menschen in den Besatzungsgebieten sei es jedoch wichtig zu spüren, dass die Welt sie nicht vergessen hat. «Viele haben die Hoffnung aufgegeben. Das macht mich betroffen und war auch mit ein Grund dafür, nach dem Einsatz im ländlichen Jericho nochmals nach Palästina zu reisen. Diesmal nach Hebron.»

Angst hat die engagierte Theologin trotz der politisch angespannten Situation keine. «Das Sicherheitsdispositiv ist hoch und wir werden keinen Risiken ausgesetzt», sagt sie. Die psychische Aufarbeitung des Gesehenen allerdings sei je nach Person unterschiedlich schwierig.» Dass sich während ihrer Anwesenheit die Lage in Palästina – aufgrund der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch den amerikanischen Präsidenten – zusätzlich verschärfen würde, war nicht absehbar. Bettina Flick berichtet über die Tage nach Trumps Statement.

Sorge bereiten die Jugendlichen

«Auf palästinensischer Seite wurden drei ‹Tage des Zorns und der Entrüstung› ausgerufen. Heute ist der erste dieser Tage. Die Schulen und Geschäfte sind geschlossen. Es finden überall Demonstrationen statt. Manche arten aus in gewalttätige Auseinandersetzungen. Während ich dies schreibe, tönt Geschrei aus der Stadt in unsere sichere Wohnung in Hebron. Ich hoffe sehr, dass die Unruhen nicht überborden und, dass nach diesen drei Tagen alles wieder vorbei ist.

Heute Morgen war ich in Jerusalem in der Altstadt bei den Kleinen Schwestern Jesu. Gern schaue ich an diesem Ort vorbei, bete und unterhalte mich mit der Schwester, die gerade beim Ikonen-Lädchen sitzt. Meistens sind es mutmachende Gespräche. Heute habe ich sie sehr traurig angetroffen und voller Sorge. Eine Weile sassen wir schweigend da und tranken Tee. Das Leid der Menschen scheint nicht enden zu wollen. Nein, Angst vor einer dritten Intifada habe sie nicht, meint sie, dafür seien die Menschen zu geschwächt und müde. Niemand hier wolle kämpfen, wolle Krieg. Nur die Jungen würden ihr Sorge machen. Bei so viel Unsicherheit, so hoher Arbeitslosigkeit, so viel alltäglicher Gewalt würden manche darauf warten, Gewalt anzuwenden. Und sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit ansehen musste, wie seine eigene Mutter vergewaltigt wurde. Nein, das entschuldigt keine Gewalt, es zeigt nur auf, wie Gewalt entstehen kann.»

Dramatische Kinderzeichnungen

«Ich denke an den Bericht eines meiner Kollegen in Bethlehem: Das alte EA-Team hat ein Kunst- Projekt lanciert, bei dem verhaftete Kinder ihre Erlebnisse in Form von Bildern wiedergeben sollen. Was ich zu sehen bekomme, macht mir Angst. Fünf Jugendliche zeichnen und erzählen von der Art und Weise, wie sie verhaftet und gefangen gehalten wurden. In vier der fünf Fälle werden Symbole terroristischer Organisationen gezeichnet. Eine Geschichte verschlägt mir die Sprache: Als 13-jähriger wird Achmed festgenommen, mit verbundenen Augen muss er seine Zelle finden, nach wenigen Tagen werden ihm seine Genitalien verbrannt und am Tag seiner Entlassung wird er auf der Autobahn im Nirgendwo ausgesetzt.»

Zweiter Tag: Mit Zwiebeln gegen Tränengas

«Eine unserer beratenden Personen vor Ort hatte uns gesagt, dass die Demonstration in Hebron am Fussballstadium friedlich starten würde. Wir trafen kurz nach Ende des Freitagsgebetes beim Stadium ein und sahen vor uns Hunderte von Menschen friedlich in Richtung Innenstadt laufen. Auch ältere Menschen und Männer mit kleineren Kindern waren dabei. Viele hatten die palästinensische Flagge oder die Fahne der Palästinenserpartei Fatah dabei. Es war alles ruhig.

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Ein Knall durchbrach die Ruhe. Sofort zogen sich die älteren Menschen und die Familien zurück, wir gingen in eine Seitenstrasse, hörten Gewehrfeuer und sahen Menschen zurückrennen. Palästinenser, die in unserer Nähe standen, zeigten auf einen Weg und mit ihnen eilten wir dorthin. Er stellte sich als Zugang zu einem Haus heraus, das in der Nähe der Hauptstrasse lag. Dort hatten wir einen geschützten Standort und konnten das Geschehen aus der Ferne verfolgen. Da regneten unvermittelt Zwiebeln auf uns herab: Eine Frau aus dem Haus warf alle ihre Zwiebelvorräte zu uns. Zwiebeln sind ein gutes Mittel gegen Tränengas. Fünf israelische Militärwägen rasten nun die Hauptstrasse hinauf in eine Richtung, in der normalerweise keine israelischen Soldaten zu finden sind, weil dieser Stadtteil unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde steht. Wir duckten uns hinter der Mauer. Bald darauf kamen die Militärautos zurück. Danach kehrte Ruhe ein. Als wir zurückgehen wollten, brachte uns eine Frau Limonade. So standen wir da mit einer Zwiebel und einem Glas Limonade in der Hand – und spürten, wie sehr die Menschen unsere Anwesenheit und Solidarität schätzen.»

Nicht jeder Fussballfan ist ein Hooligan

«Die Demonstration hatte so friedlich begonnen. Aus dem Ruder gelaufen war sie erst, als das israelische Militär eingriff. Die meisten Menschen auf der Strasse wollten keine Gewalt, sie wollten ihren Zorn zeigen, bekunden, dass sie nicht einverstanden sind, wenn über Jerusalem verfügt wird, als gehöre die Stadt nur zu Israel. Ja, es gab sie, die Steinwerfer, die jungen Erwachsenen, die sich eine Strassenschlacht lieferten mit dem Militär – mit sehr ungleichen Waffen – David mit den Steinen gegen den Goliath des israelischen Militärs.

Aber zu sagen, dass die Menschen, die hier demonstrieren, gewalttätig seien, wäre etwa so, wie wenn man behaupten würde, dass jeder, der in ein Fussballstadion geht, ein Hooligan wäre.»

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