«Das zieht sich aber hin» – Teil III

Der legendäre jährliche Wanderausflug der «lifestyle»-Redaktion leidet unter Wetterpech. Trotzdem: Der Nebel hat auch seine schönen Seiten. Die meisten anderen Wanderer bleiben zu Hause. Der Seealpsee wird so zu einem sehr persönlichen Erlebnis.

David Scarano/Markus Fässler
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ALPSTEIN. Verkehrte Welt: Das perfekte Wanderwetter herrschte erst, als die beiden Redaktoren dsc und mf am Tag darauf in die Tasten hauten. Am Tag der grossen Wanderung lockte das Wetter eher ins Bett: Feiner Regen wie in London sowie dicke Nebelschwaden, die den Himmel mit einem Bleimantel zudeckten. Doch trotz der schlechten Voraussetzungen war die legendäre jährliche Wanderung der «lifestyle»-Redaktion wiederum ein Riesenerfolg. Denn beim Wandern stören meistens die Mitmenschen, die der gleichen Idee verfallen sind. Dank des englischen Wetters blieben diese aber zu Hause. So wurde die Wanderung zu einer fast spirituellen Erfahrung. Das Seealpseeufer, beinahe menschenleer – nur ein Ehepaar hatte sich ebenfalls dorthin verirrt –, wirkte wie eine Kathedrale nach Türschliessung. Jedes Vogelgezwitscher, jedes Plätschern, jedes Jauchzen der Sennen und jedes Muhen der Kühe hallte von den massiven Bergwänden zurück. mf und dsc fühlten sich, wie wenn sie den Time Square in New York oder den Strand von Rimini ganz für sich alleine hätten. Herisauer und Heidler können sich das wohl am besten vorstellen: Es fühlte sich an wie ein durchschnittlicher Samstagnachmittag in den beiden historischen Zentren.

«Gönd er go d Sonn sueche?»

So spirituell war die Stimmung auf dieser Wanderung jedoch nicht von Anfang an. Der Nebel drückte den Schreibenden aufs Gemüt. Immerhin versuchte die Bahnbegleiterin in der Ebenalpbahn, die Stimmung zu heben. «Gönd er go d Sonn sueche?», fragte sie. Doch sie resignierte kurz vor Ende der Fahrt ebenfalls: «Minder wird's nome.» Damit nahm sie vorweg, dass die Wetterfrösche an diesem Donnerstag mächtig daneben lagen. Die Sonne schaffte es gefühlte zwei Sekunden, durch den Nebel zu brechen. Prophezeit worden war ein sonniger Nachmittag.

dsc und mf hatten sich vorgenommen, auf der «Hoptgasse» des Alpsteins das Wandervolk zu beobachten. Mit der Fahrt auf die Ebenalp und dem Weg zum Wildkirchli und zum Äscher nahmen sie eine der bestfrequentierten Routen unter ihre Füsse. Schnell wurde aber klar: Nur die «lifestyle»-Redaktoren waren richtig wetterfeste Wanderer. Der voyeuristische Auftrag, eine sozio-kritische Würdigung des Wandervolks, erledigte sich so schnell: In den sieben Stunden im Alpstein trafen sie auf knapp ein Dutzend Personen. Die Erkenntnisse fielen entsprechend mickrig aus. Klar ist: Männer sind schlechte Begleiter. Die meisten Frauen, die sie antrafen, wanderten alleine. Die zweite Erkenntnis: Dem Markenwahn verfallen sind nicht nur russische Milliardäre, sondern auch männliche Durchschnittswanderer. Ohne «Mammut» und «Jack Wolfskin», «Salewa» oder «North Face» lässt sich die Scheidegg nicht bezwingen.

Cannabis für die Ebenalp

Auf der ersten Etappe, von der Ebenalp zum Wildkirchli, trafen die «lifestyle»-Redaktoren keinen einzigen Mitwanderer an. So blieb Zeit, sich als Hobby-Touristiker zu geben. Diskutiert wurde, mit welchen Pflänzchen sich die Bergbahnen und -restaurants im Appenzellerland bereichern liessen. Ausgehend vom Alpensafran auf dem Kronberg schlug mf Reis für den Allerweltsberg Säntis vor, «weil Reis überall gegessen wird». dsc empfahl der Ebenalp Cannabis sativa, da dieses Kraut bestens zum Gleitschirmfliegen passt. Bei der Hundwiler Höhi waren sich die wandernden Schreiber einig, dass sie auf Fenchel oder Kamille setzen würden.

Als lehrreich entpuppte sich der Zwischenhalt im Berggasthaus Äscher. Dort wurden die Reisenden von Dackel Nora freudig empfangen. Es ist keine Beleidigung, wenn man einen Dackel als Wursthund bezeichnet. Im Spanischen und im Englischen heisst diese Rasse in der Tat so: «perro salchicha» oder «sausage dog». Was das Chinesische Wort für Dackel «làchangquàn» genau bedeutet, wussten die Redaktoren nicht. Witze, dass «làchangquàn» wie ein Rezept für Hundebraten tönt, unterliessen sie jedoch – in Innerrhoden kennt man diesbezüglich keinen Spass. Zum Schluss begingen die beiden Laien eine wanderische Todsünde. Sie stiegen auf den Mesmer, um dann auf dem gleichen Weg zum Seealpsee zurückzukehren. Das ist bei Wanderern verpönt: Diese können nur in Kreisen oder Routen denken.

Wenn «Engeli brönzlid»

Der Aufstieg zum Mesmer hatte es in sich. Mehrmals entglitt mf und dsc ein «das zieht sich aber hin.» Im Berggasthof nahmen sie verdient das Mittagessen ein. Es schmeckte besser, als es der Innerrhoder Wirtshausspruch auf dem Tischset vermuten liess: «Wie wenn em d Engeli de Hals aab brönzlid». So feucht fühlten sich die beiden erst, als sie sich am Ende der Wanderung verschwitzt und verregnet, aber zufrieden auf die Sitzbank bei der Talstation der Ebenalpbahn setzten, um zuzuschauen, wie eine Frau ihren kleinen Hund misshandelte. Das ist aber eine andere Geschichte....

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