Das Wandern ist des Rentners Lust

Sieben Kilogramm Gepäck, 20 bis 30 Kilometer und rund acht Stunden Laufzeit. Das sind die Zahlen eines durchschnittlichen Wandertages des in Dietschwil bei Kirchberg wohnhaften Pablo Winiger. Der pensionierte Lehrer und Chorleiter hält sich mit mehrtägigen Wanderungen fit.

Jeannette Ringger
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Der in Dietschwil wohnhafte Pablo Winiger hält nach seiner Pensionierung Geist und Körper mit Langstreckenwanderungen fit. (Bild: Jeannette Ringger)

Der in Dietschwil wohnhafte Pablo Winiger hält nach seiner Pensionierung Geist und Körper mit Langstreckenwanderungen fit. (Bild: Jeannette Ringger)

DIETSCHWIL. Im heimeligen Wohnzimmer der Winigers duftet es nach einer Mischung aus Tannennadeln des Christbaums und frischem Kaffee. Am Esstisch sitzt ein grossgewachsener, sportlicher Mann mit grau melierten Haaren. Er nimmt einen Schluck aus der dampfenden Kaffeetasse. Pablo Winiger erzählt zurückgelehnt von seinem bewegten Leben als Oberstufenlehrer, Musiker, Chorleiter, Vater und jetzt als «freiwilliger Jungrentner», wie er sich selbst bezeichnet. Diese Bezeichnung bringt es tatsächlich auf den Punkt, denn von fortschreitendem Alter ist bei ihm nicht viel zu spüren.

Dank Zufall zur Leidenschaft

Im Jahr 1951 geboren, wuchs Winiger in Rapperswil-Jona auf und zog dann im späten Teenageralter nach Rorschach, um dort das Lehrerseminar zu absolvieren. So jung auszuziehen, mag nicht für jeden etwas sein. Pablo Winiger genoss jedoch die neu gewonnenen Freiheiten. «Ich fand es toll, so ungestört erwachsen werden zu können. Ich konnte vieles ausprobieren, ohne mir jedes Mal Gedanken darüber machen zu müssen, was jetzt wohl meine Mutter sagt, wenn ich nach Hause komme», meint er schmunzelnd und nimmt einen grossen Schluck Kaffee. Nach dem Semi nahm er seine erste Lehrerstelle in Sennwald an und wurde dabei auch sofort ins kalte Wasser geworfen. Der Frauenchor von Sennwald hatte gerade keinen Dirigenten und so wurde der talentierte Pianist und Organist angefragt, ob er nicht den Chor übernehmen wolle. «Ich fand mich plötzlich in meiner ersten Chorprobe wieder, ohne eine Ahnung von Chorleitung zu haben.» Dank der Hilfe von Seiten der Chormitglieder und der schnellen Lernfähigkeit Pablo Winigers harmonierte es aber schliesslich wunderbar – im wahrsten Sinne des Wortes. Dies war der Anfang einer 40jährigen Dirigenten-Karriere an verschiedensten Orten. Zwei Umzüge, eine Hochzeit und drei Kinder später fand die junge Familie Winiger im Jahr 1985 im kleinen Dorf Dietschwil bei Kirchberg ihr festes Zuhause. Nach seiner Weiterbildung als schulischer Heilpädagoge unterrichtete Pablo Winiger dort vorwiegend die Real- und Kleinklassen.

Wanderlust und Fernweh

Dietschwil war dann auch der Ort, an dem sich seine Leidenschaft fürs Wandern etablierte. «Ich lief schon immer gern. Aber mit meinen Kindern fing ich dann an, erste längere Wanderungen zu machen.» Von Dietschwil nach Sargans sei eine der längsten Strecken gewesen, welche er mit seinen beiden Söhnen gelaufen sei. Die Tochter war damals noch zu klein. Doch als Lehrer, Dirigent von Sing mit Dietschwil und Initiator vieler einmaliger musikalischer Projekte blieb nicht mehr allzu viel Zeit für mehrtägige Wanderungen. Deshalb entschied Pablo Winiger, sich im Juli 2011 frühpensionieren zu lassen. «Nach 40 Jahren als Chorleiter und Lehrer war es für mich Zeit für einen Schnitt.» Er wollte nicht, dass die Leute beginnen zu fragen, «wann denn der Winiger endlich geht.» Dass er bestimmt nicht zu einem jener Pensionäre gehört, die nach der Pension nichts mit sich anzufangen wissen, kann man an einem hohen Stapel Fotobücher erkennen, welche neben seiner Kaffeetasse auf dem Tisch liegen. «Nach jeder längeren Wanderung erstelle ich ein Buch, in dem ich all meine Fotos und Routenpläne festhalte.» So könne er auch nach mehreren Jahren immer wieder nachschauen, an welchem Tag er wie viele Kilometer wohin gewandert sei. «Ich bin halt doch nicht mehr so jung wie ich aussehe. Da muss ich den ergrauenden Hirnzellen manchmal etwas nachhelfen», witzelt er. Es sind aber auch viele Tage und viele Kilometer. Denn wenn Pablo Winiger einmal läuft, dann hört er kaum mehr auf. Sei es ein Besuch von Freunden in Südfrankreich oder eine Stippvisite beim jüngeren Sohn, welcher dank eines Musikstipendiums in Rom weilte: Er lässt keine Gelegenheit aus, um zu Fuss fremde Länder und Menschen kennenzulernen. «Ich bin definitiv ein Genusswanderer. Wenn es mir in einem Dorf gefällt, mache ich halt, und wenn ich jemand Spannendes treffe, halte ich gerne ein Schwätzchen.» Trotzdem ist seine Bilanz beeindruckend: 20 bis 30 Kilometer pro Tag und dies oft mehrere Wochen am Stück. Und das Ganze meistens alleine. Da seine Frau Maria noch arbeitet, kann sie ihn nur selten auf seinen Wanderungen begleiten. «Wirklich alleine ist man aber nie. Man trifft immer und überall Leute mit einer ähnlichen Gesinnung. Unterwegs entstehen oft die spannendsten Gespräche.»

Grossvater und Wanderer

Obwohl er bereits Pläne für eine Österreich-Wanderung im Frühling schmiedet, ist Pablo Winiger auch sehr gerne zu Hause. Ausserdem wurde er im vergangenen Jahr innerhalb weniger Monate gleich dreimal Grossvater. Er sei jetzt quasi Opa und Langstrecken-Wanderer von Beruf. Und die Musik? «Klar ist sie immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber eine gesunde Mischung macht es aus.» Aus diesem Grund bleiben Gitarre und Handorgel zu Hause, wenn er auf Wanderungen geht. Doch dank seiner Grosskinder entdeckt er wieder einen anderen Aspekt der Musik. Er trinkt den letzten Schluck Kaffee und erzählt: «Ich geniesse es sehr, meinen Enkeln die Lieder vorzusingen und Geschichten zu erzählen, welche ich meinen Kindern schon mitgegeben habe. Deshalb habe ich ein kleines Büchlein mit einer Sammlung von Kinderliedern gestaltet und die passenden Bilder dazu gemalt.» Denn Malen tut der sonst schon vielbeschäftigte Jungrentner auch noch.

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