«Das ständige Nachdenken macht mich fast wahnsinnig»

«Seit wenigen Monaten bin ich in der Schweiz, seit Ende Februar hier im Girlen. Seit ich in dieser Unterkunft bin, glaube ich manchmal kaum noch, dass ich mich in der fortschrittlichen Schweiz befinde, denn im Gegensatz zu den Zentren, in denen ich vorher untergebracht war, sind die Umstände hier schlecht.

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«Seit wenigen Monaten bin ich in der Schweiz, seit Ende Februar hier im Girlen. Seit ich in dieser Unterkunft bin, glaube ich manchmal kaum noch, dass ich mich in der fortschrittlichen Schweiz befinde, denn im Gegensatz zu den Zentren, in denen ich vorher untergebracht war, sind die Umstände hier schlecht.

Besonders schlimm ist, dass wir kaum eine Möglichkeit haben, uns zu beschäftigen und uns damit abzulenken. Es gibt keine Bücher, keine Zeitungen, keinen Fussball, nichts. Und auch Besuche sind nicht erlaubt, sie werden weggeschickt. Dadurch, dass das Zentrum so abgelegen ist, gibt es auch nichts zu sehen, zu beobachten. So habe ich keine Möglichkeit, meine Gedanken abzulenken und ich denke ständig über meine Situation nach – dabei wird man fast wahnsinnig. Ein weiteres Problem ist, dass wir hier keinen Zugang zum Internet haben. Daher können wir kaum kommunizieren, ausser allenfalls kurz per Telefon. Doch mit dem wenigen Geld, das wir zur Verfügung haben, können wir uns Anrufe in unsere Heimatländer nicht leisten. Aber ich muss doch ab und zu meine Freunde und meine Familie wissen lassen, dass ich überhaupt noch lebe. Eingesperrt sind wir zwar faktisch nicht. Das Problem ist aber, dass uns die Lagerleitung unsere Dokumente abnimmt und wir nur noch Fotokopien haben. Wenn wir unterwegs sind, müssten wir uns aber eigentlich jederzeit ausweisen können. Trotzdem will und muss ich ab und zu ins Dorf, einerseits, um mich abzulenken, andererseits auch, um mir das eine oder andere zu besorgen. Im Gegensatz zu anderen Unterkünften gibt es hier aber keinen Bus, der Weg zu Fuss ist weit. Mitfahrgelegenheiten gibt es keine, da nicht einmal die Angestellten uns mitnehmen dürfen.

Was richtig schlecht ist, ist das Essen. Manchmal riecht es verdorben. Als wir uns beklagt haben, wurde die Polizei gerufen. Derjenige, der am lautesten protestiert hat, wurde mitgenommen und kam nicht mehr zurück. Daher sage ich lieber nichts, ich will nichts riskieren.

Viele sind inzwischen einfach untergetaucht. Zu Beginn waren wir 53, heute sind eigentlich nur 15 konstant hier. Für mich kommt das nicht in Frage. Zum einen kenne ich gar niemanden, zu dem ich gehen könnte. Zum anderen möchte ich doch legal hier bleiben. Ich will arbeiten und etwas für meinen Unterhalt tun. Ob ich dafür eine Chance habe, weiss ich nicht. Nur damit Sie mich richtig verstehen: Ich erwarte nicht das Paradies, ich erwarte nicht einmal, dass es besonders schön ist hier, aber so wie es hier im Girlen ist, kann es nicht sein. Ich verstehe nicht, warum man so mit uns umgeht. Wir sind nicht kriminell, aber wir werden schlechter behandelt als im Gefängnis.»

Aussagen eines Asylsuchenden

notiert und übersetzt

von Barbara Anderegg

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