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Das staatliche Töten findet ein Ende

Am 1. Juli 1862 kam es in Trogen zur letzten Hinrichtung im Appenzellerland. Zu jener Zeit vollzog sich hierzulande und europaweit ein Diskurs über die staatliche Bestrafungspraxis und das Recht des Menschen über den eigenen Körper. Eine lokalhistorische Spurensuche von Roman Hertler.
Das Ausserrhoder Richtschwert über einem Kartenausschnitt von 1834, rot eingekreist der Richtplatz bei Trogen. (Bild: Illustration: Silvana Hügli; Quelle: Staatsarchiv AR)

Das Ausserrhoder Richtschwert über einem Kartenausschnitt von 1834, rot eingekreist der Richtplatz bei Trogen. (Bild: Illustration: Silvana Hügli; Quelle: Staatsarchiv AR)

TROGEN. «Wie zankten noch; ich sah mich verrathen; und nun – nahm ich das in der Brusttasche meines Ueberhemdes versorgte Stilet, schob es innen am Ueberhemde hinter dem Rücken durch und steckte ihm dasselbst in die Brust.» Mit diesen Worten gestand Metzger Johann Ulrich Schläpfer aus Grub, wohnhaft im Speicher, den Raubmord, den er am 14. Mai 1862 am Bauern Bartholome Zürcher im Speicherer Weiler «an den Blatten» beging. Noch am selben Tag wurde der Verdächtige in seinem Haus festgenommen und in Trogen eingekerkert. Zunächst leugnete er die Tat. Man erzwang kein Geständnis. Man wollte abwarten, ob sein Gewissen ihn in der Einsamkeit seiner Zelle nicht zu einem Geständnis bewegen mochte. Drei Tage, an einem Sonntag, knickte er ein, als das Läuten der Totenglocken aus Speicher bis nach Trogen herübergetragen wurde. «Ich bin der Thäter! Bei dem Grabgeläute des Zürcher, das ich so eben höre, durchschauert's mich; ich will das Bekenntnis ablegen», soll er gesagt haben.

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Hinrichtungen waren im Appenzellerland bis Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich. Auf Innerrhoder Gebiet war es 1849 Anna Koch vom Hüttenberg ob Gonten, die als Letzte ihr Leben unter der scharfrichterlichen Klinge liess. Aus Eifersucht ermordete sie ihre Nebenbuhlerin Magdalena Fässler, mit der sie sich um die Gunst des Johann Baptist Mazenauer vom Gschwendli unter dem Kronberg stritt. Im Verlaufe der Untersuchungen ergaben sich diverse Theorien über den Tathergang. Zwischenzeitlich wurde gar der Mazenauer verdächtigt. Doch selbst die Folter brachte kein Geständnis hervor. Nach einer Flucht und dem gescheiterten Versuch, von einem Vorarlberger Pfarrer Absolution zu erhalten, stellte sich Anna Koch und legte ein Teilgeständnis ab. Dabei verwickelte sie sich in Widersprüche und gestand schliesslich. Mazenauer war entlastet, doch trug er lebenslange körperliche Schäden von der Folter davon. Am Tag des Blutgerichts, dem 3. Dezember 1849, wurde Anna Koch auf dem Galgenring, der Appenzeller Richtstätte nahe der Ziegelhütte, der Kopf abgeschlagen.

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Der Fall des letzten Hingerichteten in Appenzell Ausserrhoden war anders gelagert. Der Metzger Johann Ulrich Schläpfer tötete aus Geldnot und Verzweiflung. Der Schläpfer sei schon als Kind ein «Hitzkopf» gewesen, wird berichtet. Immer wieder lieferte er sich «Balgereien» mit den Mitschülern. Er hatte keine eigentlichen Jugendfreunde gehabt, sondern sich bald diesem, bald jenem angeschlossen. Von seinem Stiefvater war er streng behandelt worden. Einmal misshandelte er mit einem Mitschüler seinen Lehrer, als dieser ihn in der Schule zurückbehalten wollte. Sein Metzger-Lehrmeister schätzte ihn dann aber wegen seines Arbeitseifers, wenngleich er noch nie einen so «spröden» Lehrling gehabt habe. Aufgrund seines schwächlichen Körperbaus brachte man ihn in eine Weberfamilie. Doch die Arbeit im dunklen Keller behagte dem jungen Schläpfer nicht. Er entlief. Nachdem er sich mit einigen Meistern überworfen hatte, wanderte er 1843 nach Algier aus und trat kurz darauf in den neapolitanischen Söldnerdienst ein. 16 Jahre dauerte sein Soldatenleben fernab der Heimat. Nach seiner Rückkehr scheiterte er beim Versuch, ein eigenes Metzgereigeschäft aufzubauen. Den Lebensunterhalt für sich, seine Frau und seine beiden Kinder verdiente er sich mit Hausieren. Immer mehr ergab er sich «dem Wirthshausleben und dem Trunke». Seine finanzielle Lage verschlechterte sich zusehends. So begab sich Schläpfer am 14. Mai 1862 zu Bartholome Zürcher, wo er zum Mörder und damit zum letzten Opfer des Ausserrhoder Blutgerichts wurde.

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Mit dem gesellschaftlichen Wandel der «Sattelzeit» (also um 1800), den Europa im Zuge der Aufklärung und der vom Bürgertum getragenen Umwälzungen erlebte, brach auch für die Strafjustiz ein neues Zeitalter an. Erste «moderne» Gesetzesbücher mit vereinheitlichten Verfahrensregelungen wurden bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert abgefasst. Der französische Philosoph, Historiker und Soziologe Michel Foucault (1926 bis 1984) zählt die Abkehr von öffentlichen Martern, sogenannter «peinlicher Strafen» zu den wichtigsten Veränderungen in der Strafjustiz. Er schreibt, der geschundene, zum Spektakel dargebotene Körper als Zielscheibe der strafenden Repression sei binnen weniger Jahrzehnte verschwunden. Das «düstere Fest der Strafe» sei, trotz einigen letzten grossen Aufflackern, im Begriff zu erlöschen. Man wandte sich allmählich davon ab, die Zuschauer an eine Grausamkeit zu gewöhnen, vor der man sie fernhalten wollte.

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Schläpfer gestand seinen Mord und schilderte den Tathergang in allen Einzelheiten. Das Stilett hatte er am Morgen des besagten 14. Mai 1862 ganz bewusst eingesteckt, als er sich auf den Weg zum Hof von Zürcher machte. Er hatte den Plan gefasst, von der Waffe Gebrauch zu machen, wenn der Bauer ihm nicht 20 Franken leihen wollte. Da ausser Zürcher noch dessen Untermieter zugegen war, zog Schläpfer zunächst weiter und hielt sich in mehreren Schankstuben auf. Zurück bei Zürcher traf er diesen im Stall. Unter dem Vorwand, Spiessholz zu kaufen, verwickelte er den Bauern in ein Gespräch. Dann bat er ihn um das Darlehen. Erst nach langem Hin und Her willigte der Bauer schliesslich ein. Er nahm die Treppe ins obere Stockwerk des Wohnhauses, wo er das Geld aufbewahrte. Schläpfer stieg ihm nach, was Zürcher gar nicht passte. Das sei unverschämt, so könne er das Darlehen vergessen, sagte Zürcher zu Schläpfer. Es kam zum Streit. Die Rauferei gipfelte schliesslich im Mord am Landwirt. Schläpfer suchte anschliessend nach dem Geld, brach mit einem Beil ein Kästchen auf und entnahm daraus 34,60 Franken. Darauf begab er sich wieder in die Schankstuben in Speicher. Als die Leiche Zürchers gegen Mittag entdeckt wurde und sich die Kunde über die blutige Tat im Dorf verbreitete, versammelte sich eine Menschenmenge auf dem Hof des Ermordeten. Unter den Schaulustigen befand sich auch der Mörder. Bevor die Untersuchungen richtig anliefen, machte sich Schläpfer aus dem Staub.

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Der europäische Diskurs über körperliche Strafen vollzog sich auch in Appenzell Ausserrhoden. Doch kam er für Hans Ulrich Schläpfer zu spät. Nach seinem vollumfänglichen Geständnis wurde er zum Tode verurteilt und schliesslich am 1. Juli 1862 auf dem Richtplatz im Gfeld bei Trogen, wo alle Hinrichtungen des Kantons stattfanden, enthauptet. Die Appenzeller Zeitung berichtete damals ausführlich über den Fall. In einem Aufsatz in der Ausgabe vom 28. Juli vertritt der anonyme Verfasser die Ansicht, dass der Staat ausser im Kriegsfall nicht das Recht habe, ein Menschenleben zu zerstören. Rhetorisch fragt er: «Wen will man mit dem Schwert abschrecken? Den Enthaupteten? Die gaffende Menge? Wenn es hülfe, brauchte man jetzt, nach den Hunderttausenden von Hinrichtungen, die Todesstrafe nicht mehr.» 1878 folgte der Kanton dem europäischen Trend und strich die Todesstrafe aus dem Strafgesetzbuch.

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