Das Seil aus der Hand gelegt

Seilzieher Hanspeter Koch aus der Hochburg Mosnang hat sich nach 32 Jahren am Tau als Nationaltrainer der Elite aus der Szene verabschiedet. Langweilig wird es dem mehrfachen Weltmeister aber trotzdem nicht. Zudem zieht Tochter Michaela im Mosnanger Damenteam aktiv mit.

Urs Huwyler
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Seilzieh-Weltmeister Hanspeter Koch wird bei seinen Ziegen zum «Geissen Hanspeter». (Bild: Urs Huwyler)

Seilzieh-Weltmeister Hanspeter Koch wird bei seinen Ziegen zum «Geissen Hanspeter». (Bild: Urs Huwyler)

MOSNANG. Besuche bei erfolgreichen Sportlern nach deren Rücktritt gehören journalistisch gesehen nicht zu den grössten Herausforderungen. Die Fragen nach der Anzahl gewonnener Medaillen und Titel, der schönsten Siege oder bittersten Niederlagen bilden das Gerippe. Bei Seilzieher Hanspeter Koch (Mosnang) entwickelt sich alles anders. Medaillen, Diplome, Glocken und Bilder von Vierbeinern lassen erahnen: Da zählt einer nicht nur Podestplätze. «Die Mischung muss stimmen», fasst der 49jährige Familienvater, Landwirt und Bauarbeiter in vier Worten zusammen, welcher Bereich Priorität geniesse.

Logisch, dass bei einem mehrfachen Weltmeister der Sport zum Thema wird. Fehlanzeige. Zuerst geht es um die Ziegen. Bei ihnen bekommt der Allrounder den Kopf frei, kann der Vereinspräsident der «Ziegenfreunde» und OK-Chef der «Geissenshow» (23. März in Wattwil) Ideen entwickeln. «Mister Ziege», mit der einen oder andern «Miss Toggenburg» und «Miss Appenzell» im Stall, muss um sechs Uhr mit der Melkerei fertig sein, damit er eine Stunde später seinem Hauptberuf auf dem Bau nachgehen kann. «Milch und Käse von Ziegen sind ein gefragtes Nischenprodukt», kann der Frei(teil)zeit-Züchter zufrieden feststellen. Die Milch wird in der Käserei Wiesen/Bodmen verarbeitet.

32 Jahre am Seil

1980 schaute der Jugendliche mit Appenzeller Blut beim Seilziehclub Alttoggenburg vorbei. Selbst der jetzige Verbandspräsident Robert Schneider soll nicht an die Langzeitkarriere des Schnupperstifts geglaubt haben. Alle lagen falsch. 1988 erhielt Hanspeter Koch ein Aufgebot ins Nationalteam, 1997 wurde der Aktuar und Athletenvertreter erstmals Schweizer Meister. Aus der Eintags- wurde beinahe eine Endlosfliege, doch im September 2012 folgte nach der Heim-WM in Appenzell der Rücktritt. «Es war der ideale und richtige Zeitpunkt», stellt der frühere Nationaltrainer fest. Die Erfolge erwähnt er nicht. Irgendwann wird er die Medaillen und Diplome sowieso einer Schachtel für die Ewigkeit anvertrauen.

Den Nationalcoach gibt es in den Elite-Kategorien nicht mehr. Künftig soll ein Klubteam samt Trainer als Block selektioniert werden. Ob die Regelung im Sinne des Spitzensports ist? «Für mich muss die Nationalmannschaft auch die Clubs stärken. Die Athleten brauchen in allen Vereinen die Gewissheit, bei entsprechenden Leistungen aufgeboten zu werden», vertritt der Cousin von Schwingerkönig Thomas Sutter das Spitzensport-Prinzip. «Die Jungs sollen sich untereinander austauschen können, miteinander diskutieren, sie erhalten dadurch neue Impulse, die sie in ihre Vereine tragen. Das steigert den Konkurrenzkampf. Wird eine Clubmannschaft selektioniert, geht die spezielle Nationalkader-Atmosphäre verloren.»

Schmerzende Hände

Hinter der Koch-Philosophie steckt die Überzeugung, für langfristige Erfolge nicht nur an, sondern über die persönlichen Grenzen gehen zu können. «Schmerzen die Hände, muss ich wissen, dass es dem Gegner auch so geht – und dann gilt es nochmals Kräfte freizusetzen.» Wobei sich in andern Sportarten «Urgesteine» darüber beklagen, der Anspruch im Sport habe sich während der letzten Jahre verschoben. Die Bereitschaft, alles dem Sport unterzuordnen, werde kleiner, die Erwartungshaltung an das Umfeld grösser.

Ordnen die Seilzieher wie zu Zeiten von Koch und Co. weiterhin alles dem Erfolg unter? Die Zeiten hätten sich auch bei ihnen geändert, fügt der jahrelange «Ankermann» (Nr. 8 am Seil) an. «Ich sage jeweils, saufen kann jeder, aber in der Arena vor Zuschauern zu bestehen, das sei eine Leistung.» Daraus lässt sich erahnen, dass beim ländlich angesiedelten Teamsport wie in anderen Disziplinen bezüglich Einstellung individuelle Unterschiede bestehen. Dies kümmert ihn nicht mehr. Der ziehende, trainierende, coachende, motivierende Hanspeter Koch gehört der Vergangenheit an. «Ich bin ein aktiver Mensch, doch jetzt kann ich die Beine auch mal hochlagern», glaubt der Seilziehpensionär. In der Versenkung verschwinden wird er nicht. Tochter Michaela, WM-Dritte in Appenzell im Mixed-Team (600 Kilogramm) hat sich ohne väterlichen Druck von der Leichtathletin zur Seilzieherin entwickelt. «Ich werde an Turnieren wie andere Väter als ganz normaler Zuschauer dabei sein und mich nicht einmischen», verspricht der Chef-Koch mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. Der WM-Erfolg von «Michi» verschönerte Papa im übrigen den Abschied von seinem Sport zusätzlich.

Gitzi-Herde im Stall

Bleibt die Frage nach einem Sujet für das Bild. Mit Medaillen um den Hals? Entspricht kaum Kochs Naturell. Mit irgendwelchen Auszeichnungen in den Händen? Oder als Ziegenvereins-Präsident über Ordnern brütend? Vergessen. «Ich ziehe im Stall nebenan einige Gitzi auf», liefert der Mann für alle Fälle die perfekte Idee. Wenige Meter von der Wohnung entfernt, wird der frühere Weltklasse-Seilzieher zum «Geissen-Hanspeter». In Windeseile nimmt ihn die Jugend in Beschlag. Wieder einmal besagen Bilder mehr als 1000 Worte. Es wird klar, weshalb es den Koch zu den Ziegen zieht.

Übrigens: Seine internationale Karriere als Aktiver beendete Hanspeter Koch nach der Heim-EM 2001 in Bütschwil. Seit 2006 reiste er als Nationaltrainer durch die Gegend. Geprägt wurde der sportliche Aufstieg – wie jener des Vereins – durch Myrtha und Othmar Schuler. Dies sei der Vollständigkeit halber auch noch erwähnt.

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