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Das Schiff, das einst ein Graf war

Ein deutsches Schiff auf dem Tanganjikasee wurde heuer 100 Jahre alt. Michael Hug ist der bewegten Geschichte der «Liemba» nachgegangen und berichtet in vier Folgen von seiner Recherche in Tansania. In ihrem Bauch schlagen zwei Herzen.
Michael Hug
Blick auf das Ladedeck der «Liemba». Das 100jährige Schiff stellt die Versorgung von 50 000 Anwohnern am Tanganjikasee und den Transport von ein paar abenteuerlustigen Touristen sicher. (Bild: Michael Hug)

Blick auf das Ladedeck der «Liemba». Das 100jährige Schiff stellt die Versorgung von 50 000 Anwohnern am Tanganjikasee und den Transport von ein paar abenteuerlustigen Touristen sicher. (Bild: Michael Hug)

Ein deutsches Schiff auf dem Tanganjikasee wurde heuer 100 Jahre alt. Michael Hug ist der bewegten Geschichte der «Liemba» nachgegangen und berichtet in vier Folgen von seiner Recherche in Tansania.

In ihrem Bauch schlagen zwei Herzen. Manchmal, wenn die «Liemba» vor Anker geht und Kapitän Titus die Leistung der beiden Maschinen runterfährt, gerät eine aus dem Takt und reagiert hysterisch mit einer Fehlzündung. Das könnte die, dies hören, vielleicht aus der Ruhe bringen: «Was meinst du, wie lange machens die zwei Motoren da unten noch?» frage ich nicht ganz ernst gemeint Eddy, den Israeli neben mir an der Reling. Kapitän Titus, seiner Mannschaft und den mehreren hundert Passagieren von der ersten bis zur dritten Klasse ist das sporadische Husten der Zylinder egal. Sie vertrauen der «Liemba», so wie es viele schon vor ihnen in den vergangenen 100 Jahren getan haben.

Generatoren ausgefallen

Doch die im Scherz gestellte Frage ist nicht ganz unberechtigt. Die «Liemba», die als «Goetzen» 1913 im norddeutschen Papenburg vom Stapel gelassen wurde, ist in einem schlechten Zustand. Geldmangel und vernachlässigter Unterhalt haben ihr ganz schön zugesetzt. Noch schlagen ihre beiden MAN-400PS-Herzen, doch die drei Generatoren sind schon mehrere Male ausgefallen. So fährt das Schiff die meiste Zeit mit einem störungsanfälligen Generator, derweil die beiden anderen als irreparabel gelten. Fällt auch der dritte aus, natürlich exakt dann, als ich im Hafen von Kigoma am Tanganjikasee ankomme, dann muss mehr als nur improvisiert werden. 29 Stunden später als vorgesehen legt die «Liemba» dann doch ab. Aus dem Maschinenraum kommen zwei geschaffte, aber lachende Maschinisten hochgestiegen: Said, der 2nd Engineer und Jeremiah, der «Motorman». 1913 wurde die 800 Tonnen schwere «Götzen» in 800 Kisten auf drei Schiffen durch den Suezkanal nach Dar es Salaam gebracht. Weiter ging die Fahrt des nach einem deutschen Grafen, der sich als über Leichen gehender Gouverneur in der damals deutschen Kolonie Ostafrika einen zweifelhaften Ruf erworben hatte, benannten Schiffs auf der gerade erst fertiggestellten Mittellandbahn quer durch Tansania. Transport und Montage der «Goetzen» dauerten fast zwei Jahre. Schliesslich aber kam das Schiff fast gar nicht mehr zum Einsatz – es sollte die Versorgung der deutschen Siedler (und Ausbeuter) sowie den an der Westgrenze der Kolonie stationierten Wehrmachteinheiten sicherstellen – weil inzwischen der 1. Weltkrieg ausgebrochen war und belgische sowie englische Truppen aus Kongo und Kenia die Deutschen zurückdrängten. Der Chefmonteur der Papenburger Werft, unter dessen Leitung das 71 Meter lange Schiff in Kigoma zusammengepuzzelt wurde, musste den «Grafen» auf Geheiss des Wehrmachtkommandeurs versenken. Auf dass er nicht dem Feind in die Hände fiele.

Znacht um Mitternacht

Weil der Ausfall der Generatoren auch den Kochherd in der Küche kaltstellt, gibt es den ersten Znacht auf der «Liemba» erst eine Stunde nach Mitternacht. Für uns vier weissen Touristen aus der ersten Klasse und die Passagiere der zweiten Klasse – von denen mancher sich das Recht auf den Klassenwechsel direkt beim Kapitän erschlichen hat – gibt es keine Ersatzlösung, schon gar keine Entschädigung. «That's Africa!» lacht Yussuf, der mit allen Wassern gewaschene 1st Officier. Er hat im Auftrag des Kapitäns die Informationen über den Fortschritt der Reparaturarbeiten nur scheibchenweise durchsickern lassen. «Sonst gäbe es einen Aufstand», meint er. Oder die Leute würden wieder nach Hause gehen, worauf man dann alle wieder hätte zusammentrommeln müssen. Die Rolle der Buschtrommel hätte das Schiffshorn übernommen. Auch uns, Shira, NGO-Projektpraktikantin aus Los Angeles, Eddy, Elektronikingenieur aus Tel Aviv, Martin, pensionierter Waldspezialist aus Zürich und mir hat Yussuf nicht allzu viel verraten, obwohl er bestimmt schon längst gewusst hat, dass da ein gröberes Problem vorliegt.

Afrikanische Gelassenheit

Am nächsten Tag ist alles vergessen. Wir lassen uns von der afrikanischen Gelassenheit überzeugen. Stoisch ertragen die rund 300 Passagiere der dritten Klasse ihr Schicksal. Obwohl bei ihnen und den Wartenden an den 20 Haltestellen auf der Route der «Liemba» Tages- und Wochenpläne durcheinander geraten. Wirklich aus der Ruhe bringt es niemanden. Nur wir weisse Westler sind es gewohnt, dass ein Zug, ein Schiff, ein Flugzeug auf die Minute pünktlich ankommt. Ansonsten, so meinen wir, gerät bei uns einiges durcheinander.

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