Das Rennen ist offen

Kommentar Eine Woche vor der Wahl ist offen, wer neuer Gemeindepräsident von Herisau wird. Sowohl Ueli Strauss (FDP) als auch Renzo Andreani (SVP) dürfen sich Chancen ausrechnen. Von Patrik Kobler

Merken
Drucken
Teilen

Kommentar

Eine Woche vor der Wahl ist offen, wer neuer Gemeindepräsident von Herisau wird. Sowohl Ueli Strauss (FDP) als auch Renzo Andreani (SVP) dürfen sich Chancen ausrechnen. Von Patrik Kobler

Andreani hat im Wahlkampf eine gute Figur abgegeben. Strauss zeigte mehr Profil; er formulierte klarer.

Der Wahlkampf ums Gemeindepräsidium von Herisau verläuft unerwartet forsch. SVP-Kandidat Renzo Andreani ist kein Hardliner. Er mag es gemäss eigenen Bekundungen lieber, wenn auf den Ball statt auf den Mann gespielt wird. Seine Parteikollegen zeigten sich weniger zimperlich und machten «im öffentlichen Interesse» – und zwar gegen den ausdrücklichen Wunsch von Andreani – ein nicht öffentliches Verfahren gegen den FDP-Kandidaten Ueli Strauss zum Thema. Fraglich, ob dieses Manöver Andreani genützt hat. Offenbar liegen er und seine Parteileitung hier nicht auf einer Linie. Stellt sich die Frage, wie dies aussehen soll, wenn der 55-Jährige tatsächlich Gemeindepräsident von Herisau sein wird. Würde er dann mit seiner Basis im Dauerclinch liegen?

*

Nötig hatte Renzo Andreani dieses Manöver nicht. Er hat im kurzen, aber intensiven Wahlkampf eine gute Figur abgegeben. Eine Woche vor der Wahl ist das Rennen immer noch offen; seine Chancen sind intakt. Das ist ein Achtungserfolg. Schliesslich ist Andreani als Aussenseiter gestartet, da die FDP traditionell den Gemeindepräsidenten stellt. Die Freisinnigen konnten dieses Mal aber partout keine Kandidatin und keinen Kandidaten in der Gemeinde finden. An die 50 Persönlichkeiten hat die Partei angefragt und dabei nur Absagen geerntet. Mit Ueli Strauss zauberte sie schliesslich doch noch einen Kandidaten aus dem Hut – allerdings einen, der bislang keinen grossen Bezug zu Herisau hatte. Allein dies sorgte schon für grosse Diskussionen. Der 54-Jährige kündigte zudem an, dass seine Familie vorerst in Wittenbach wohnen bleibt. Das ist zwar erfrischend ehrlich, er bürdete sich damit aber auch eine grosse Last auf. Die Wohnort-Frage war fortan das grosse Thema im Wahlkampf. Die Qualifikationen rückten in den Hintergrund. Die SVP positionierte Renzo Andreani geschickt unter dem Motto: «Aus Herisau – für Herisau». Dabei ist der gebürtige Basler in Herisau auch eine relativ unbekannte Grösse, selbst wenn er seit zwei Jahren im Einwohnerrat mittut und seit kurzem der Kirchenvorsteherschaft angehört.

*

Beide Kandidaten haben ihre Qualitäten. Im Wahlkampf zeigte Ueli Strauss mehr Profil; er formulierte seine Anliegen konkreter. Besonders wenn es um Fragen zur Weiterentwicklung der Gemeinde ging, konnte der St. Galler Kantonsplaner seine Stärken ausspielen. Der grossgewachsene Umweltfreisinnige scheute sich auch nicht vor unpopulären Statements. Vom Millionenprojekt der Migros im Dorfzentrum zeigte er sich im Gegensatz zu seinem Kontrahenten wenig angetan. Er präsentierte sich als wenig konfliktscheuen Machertypen. Bisweilen hinterliess der Bataillonskommandant in der ehemaligen Felddivision 7 wohl einen etwas gar forschen Eindruck, verschiedentlich war zu hören, er hätte sich wie ein General präsentiert. Er selber stellt allerdings das Team und die partizipativen Prozesse in den Vordergrund. Sollte er gewählt werden, möchte er breite Kreise in die Zukunftsplanung der Gemeinde involvieren.

*

Renzo Andreani kommt sanfter und eleganter rüber als Strauss. Im Einwohnerrat ist er ein Brückenbauer, der über die Parteigrenzen hinaus geschätzt wird. Im Einwohnerrat konnte er die Gemeindepolitik bereits vertieft kennenlernen und sich als Mitglied der Finanzkommission detailliert mit dem Haushalt der Gemeinde auseinandersetzen. Er wirkte auch in der Kommission mit, die sich mit der Ortsplanungsrevision auseinandergesetzt hat. Die Mechanismen im Einwohnerrat sind ihm vertraut. Da ist er gegenüber Strauss im Vorteil, der als Neuling sich erst mit den Gepflogenheiten im hiesigen Ratsbetrieb auseinandersetzen müsste. Eine grosse Hürde ist dies freilich nicht. Im Gegensatz zu Andreani ist Strauss dafür in der Region gut vernetzt.

*

Der Wahlsonntag wird Klarheit darüber schaffen, wie die beiden Kandidaten in der Gemeinde ankommen. Etliche tun sich schwer damit, sich festzulegen. Manche wünschen sich auch eine Alternative, jemanden, den man besser kennt und der in der Gemeinde verwurzelt ist. Architekt Reinhard Waldburger schlägt den Stimmberechtigten vor, Hans Stricker (SVP) zu wählen. Der 64-Jährige führt die Gemeinde seit dem Wechsel von Paul Signer interimistisch. Würde Stricker noch zwei, drei Jahre länger bleiben, so könnte in dieser Zeit ein geeigneter Nachfolger gefunden werden, so die Hoffnungen. Stricker dürfte am nächsten Sonntag einige Stimmen für sich verbuchen, dass er die Wahl macht, ist unwahrscheinlich. Allenfalls könnte so ein zweiter Wahlgang provoziert werden, in dem die Karten dann nochmals neu gemischt werden.

*

Apropos zweiter Wahlgang: Wer sich einen solchen wünscht, darf den Stimmzettel nicht leer einlegen. Diese zählen nicht zu den massgebenden Stimmen. Man würde damit einzig bezwecken, dass das absolute Mehr tiefer liegt.