Das Orchester fehlte – und fehlte doch nicht

LICHTENSTEIG. Zu seinem vierten Besuch im Lichtensteiger Chössi-Theater brachte die Schweizer Klezmer-Jazz-Gruppe Kolsimcha am Samstag ihre brandneue CD «Kolsimcha & The London Symphony Orchestra» mit. Das Publikum liebt «Kolsimcha» wegen seiner Nähe und Offenheit.

Michael Hug
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Die Gruppe Kolsimcha mischt seit mehr als 28 Jahren in der internationalen Klezmerszene mit. (Bild: Michael Hug)

Die Gruppe Kolsimcha mischt seit mehr als 28 Jahren in der internationalen Klezmerszene mit. (Bild: Michael Hug)

«Kolsimcha» ist ein Begriff für Schweizer Klezmer- Jazz. Doch das Quintett ist längst auch ein internationaler Wert geworden, so dass die aus Basel stammende Formation hierzulande nicht mehr allzu oft zu erleben ist. Umso mehr durfte sich das «Chössi»-Publikum freuen, dass es der Programmleitung als Abschiedsgeschenk der im vergangenen Jahr zu Kultur in Mogelsberg gewechselten Co-Programmiererin Elfie Wälly zum vierten Mal gelungen war, die Formation zu verpflichten. Was unschwer vorauszusagen war: Das Chössi-Theater war ausverkauft bis auf den letzten Platz.

Neue Fans

Erstaunlicherweise aber waren es nicht die Habitués, die in die Bahnhalle geströmt kamen. Als Bandleader Oliver Truan ins Publikum fragte, wer denn beim letzten Mal schon hier war, hob nur etwa ein Fünftel der 135 Zuschauenden die Hand. «Wir haben von Bekannten gehört, dass «Kolsimcha» gut sei, deshalb sind wir da», sagte ein Pärchen aus Degersheim.

Bei einem weiteren Ehepaar aus Krinau war es die Gattin, die ihren Mann zum Konzertbesuch überredete. Dieser meinte: «Ich dachte, wir hätten entfernt mal von der Band etwas gehört, und jetzt stelle ich fest, dass ich sie von früher kenne.» «Kolsimcha» ist also eine Formation, die vorwiegend von ihrem soliden Ruf lebt und nicht von einer reisserischen PR-Maschinerie.

Eindruck hinterlassen

«Kolsimcha» hinterlässt Eindruck. Das «Chössi» offenbar auch. Pianist Truan meinte zum Beginn, dass der Auftritt in Lichtensteig jeweils ein Wiedersehen sei: «Das ist irgendwie wie heimkommen.» Er erinnerte sich, dass es beim letzten Besuch – es war Mitte Dezember 2010 – derart massiv geschneit habe, dass man nicht mehr nach Basel zurückfahren konnte. Diesmal schneite es ebenfalls. Man hoffe, trotzdem noch nach Hause zu kommen, sagte Oliver Truan.

Doch sonst war gar nichts so wie ehedem. Das eine Fünftel der Zuschauenden wird sich wohl erinnert haben, dass «Kolsimcha» zu Beginn vor vier Jahren überhaupt nichts gespielt hat, und das viereinhalb Minuten lang. Es war die Interpretation von John Cages Werk «4.33», in dem der Komponist die Frage aufwirft, was denn eigentlich die Musik sei.

Ohne Schweigen

Diesmal ging es ohne Schweigen zu Sache. «Kolsimcha» hatte im letzten Jahr eine CD mit dem «London Symphony Orchestra» in Londons berühmtem Studio «Abbey Road» eingespielt. Oliver Truan sagte dazu, dass man einige Stücke für Quintett mit Orchester geschrieben habe. Wenn man nun «Destination Journey» ohne Orchester spiele, sei dies eine Premiere, und man sei entsprechend nervös.

Doch von Nervosität war dann nichts zu spüren bei der 15minütigen, fünfteiligen «Reise der Bestimmung». «Man muss den gewaltigen Druck, den ein Orchester erzeugt, selbst erzeugen, und das macht Druck», so Truan. Zweieinhalb Stunden lang spielte «Kolsimcha» am Samstag im «Chössi», druckvoll, virtuos, lebensfreudig und vor allem nahbar. Jazziger Klezmer auf höchstem Niveau, auch ohne ein berühmtes Orchester.