Das Leben jenseits der Zahlen

Es dauert ein paar Momente, bis ich es realisiere: Das Auto, das von Gais bis Appenzell vor mir her fährt, hat eine St. Galler Nummer, in der sämtliche Ziffern meines Geburtsdatums in der korrekten Reihenfolge enthalten sind.

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Es dauert ein paar Momente, bis ich es realisiere: Das Auto, das von Gais bis Appenzell vor mir her fährt, hat eine St. Galler Nummer, in der sämtliche Ziffern meines Geburtsdatums in der korrekten Reihenfolge enthalten sind. «Da fährt ja quasi ein Teil meines Lebens vor mir her», denke ich. Da an diesem Tag nicht viel los ist auf appenzellischen Strassen und bei mir die Routine mit am Steuer sitzt, habe ich Zeit und Musse, über diese Begebenheit nachzudenken und über Zahlen ganz allgemein.

Denn unser Leben ist ja eine Anhäufung von Ziffern, ob uns das passt oder nicht. Das beginnt schon vor der Geburt («Sie ist im 7. Monat...»), um dann bei der Geburt vollends ins Groteske abzudriften. Angesichts der vielen statistischen Angaben, die ein Mensch bei seinem Eintritt in das Licht der Welt aufgestempelt bekommt, könnte man fast annehmen, die Zahlen zu exaktem Geburtszeitpunkt, zu Grösse und Gewicht, Fusslänge und Kopfumfang seien das zentralste Element dieses Augenblicks.

Dabei, so finde ich, sollte die Tatsache, dass überhaupt ein Mensch geboren worden ist – und das hoffentlich gesund! – weit höher gewichtet werden. Dem scheint aber nicht so, geht doch die Zahlenbeigerei nach dem Schritt ins Leben erst richtig los. Wie viel trinkt der Säugling, ab welchem Tag legt er an Gewicht zu und wie viel, wie gross ist das Kind nach einem, zwei, drei Monaten, nach einem, fünf, zehn Jahren und im Vergleich mit Gleichaltrigen. Dies alles ist interessant, gewiss, aber ist es auch wichtig?

Vollends ausser Rand und Band gerät die Zifferitis in der Welt der Missen, Models und Modeschöpfer. Ich sage eine Zahlenkombination, und bei Ihnen wie bei mir werden Bilder im Kopf lebendig: 90-60-90. Sie ahnen es bereits: Das sind nicht meine Körpermasse, und ich lege auch nicht grossen Wert darauf, bei einer Frau nicht, und bei mir schon gar nicht...

Benno Gämperle