«Das ist eine heisse Frage»

Das Wandern ist der grösste Tourismus-Faktor in Appenzell Ausserrhoden. Verantwortlich dafür ist der Verein Appenzell Ausserrhoder Wanderwege (VAW) unter der Leitung von Bruno Diebold. Hier erklärt er das einzigartige Konstrukt dieser Fachorganisation und deren Vorteile.

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Herr Bruno Diebold, sind Sie schon alle Wanderwege in Ausserrhoden abgelaufen?

Bruno Diebold: Ja, während der Digitalisierung der Appenzeller Wanderwege vor zwölf Jahren habe ich alle «abgewandert».

Da haben Sie einige Kilometer abgespult.

Diebold: 732 Kilometer, um genau zu sein.

Sie präsidieren den Verein Appenzell Ausserrhoder Wanderwege – bis vor zwei Jahren noch die Vereinigung Appenzell Ausserrhoder Wanderwege – nun schon seit 22 Jahren. Woher dieser lange Atem?

Diebold: Ja, das ist eigentlich sehr lang. Hätte man mir bei der Amtsübernahme gesagt, dass ich es über 20 Jahre innehaben werde, hätte ich gelacht. Aber es macht mir noch immer Freude, schliesslich ist es eine dankbare Aufgabe, denn beinahe jeder wandert. Aber: Ich überrasche mich selbst mit diesem Durchhaltewillen.

Sie waren bei der Gründung 1981 mit dabei, als Vizepräsident. War der VAW Ihre Idee?

Diebold: Damals sass ich im Vorstand vom Appenzellerland Tourismus. Die Idee stammt aber nicht von mir, wir adaptierten das Konstrukt einer privaten Fachorganisation von anderen Kantonen. Denn eine solche existiert – für den Bereich Wandern – überall ausser in Innerrhoden.

Aber die Verbindung zwischen dem VAW und der Appenzellerland Tourismus AG (ATAG) ist schon speziell, oder?

Diebold: Das kann man wohl so sagen. Als der Tourismus damals neu aufgegleist wurde, entschied man sich für eine Fachorganisation, wollte aber den Kontakt zur ATAG aufrechterhalten. So entstand eine enge und sinnvolle Verbindung zum hiesigen Tourismus. Schliesslich beschlossen wir vor zwei Jahren auch eine Leistungsvereinbarung zwischen VAW und der neugegründeten ATAG. Ein sehr nützliches Instrument.

Inwiefern?

Diebold: Wir arbeiten miteinander und nicht gegeneinander. Das zeigt sich auch in den gemeinsamen Geschäftsstellen in Heiden. In einigen Kantonen sieht der Tourismus in der Fachorganisation eine Konkurrentin, das wäre eine Katastrophe für Ausserrhoden.

Der VAW ist ein sehr interessantes Konstrukt. Wie definieren Sie die Aufgabe des Vereins?

Diebold: Wir ermöglichen das Wandern auf Wegen in einer intakten Landschaft. Einerseits planen und prüfen wir Markierungsprojekte in den Gemeinden, nehmen Stellung zu Wegprojekten, sind Anwalt der Wanderwege, organisieren Wanderungen und Weiterbildungskurse und publizieren Wanderprospekte. Andererseits stellen wir den Gemeinden und dem Kanton unsere Fachkompetenz zur Verfügung. Eigentlich sind wir das Kompetenzzentrum fürs Wandern im Appenzellerland.

Ein Verein als Kompetenzzentrum?

Diebold: Naja, anfangs waren tatsächlich alle noch Laien. Doch mit der Geschäftsstelle in Heiden und der technischen Geschäftsstelle stiessen gut ausgebildete Fachkräfte zu uns. Beide Geschäftsstellen sind heute professionell besetzt.

Auf den gelben Wanderwegweisern sind Laufzeiten angegeben. Wie kommen diese zustande?

Diebold: Das geschieht wissenschaftlich. Wir füttern eine spezielle Software mit Daten über die Wanderroute. Sprich: Länge, Höhenunterschiede, Wegbeschaffenheit und weiteres. Diese berechnet dann die benötigte Laufzeit. Dabei wird im Schnitt von viereinhalb Kilometern pro Stunde ausgegangen.

Und vor diesem Computerprogramm?

Diebold: Damals wurden die Wege tatsächlich noch abgelaufen. Man hatte aber auch ein Hilfsblatt dabei, das wie ein Wandertagebuch geführt wurde.

Seit letztem Jahr hat der VAW einen neuen Internetauftritt. Wie wichtig ist dieser?

Diebold: Sehr wichtig. Er ist gleichzeitig Shop, Kommunikationsmittel und Werbung.

Die Webseite stammt von Programmieren der ATAG und dem Dachverband Schweizer Wanderwege (SAW). Wer produziert die Wegweiser?

Diebold: Eine Schweizer Firma aus dem Toggenburg. Dort stimmt die Qualität. Ist dies nicht der Fall, kann die Schrift schnell unleserlich werden oder die Farbe vergilben.

Dann hält so ein Wegweiser ewig?

Diebold: Nein, leider nicht. Sonne, Wind und Wasser sind die Feinde der Wegweiser. Je nach Lage haben sie eine Lebensdauer von 10 bis 20 Jahren.

2007 liess der VAW die Appenzeller Wanderkarte produzieren. 2011 gab es eine Neuauflage. Kostenpunkt: 66 000 Franken. Ziemlich viel Geld – und Karten im Massstab 1:25 000 für das Appenzellerland gibt es doch schon von «swisstopo», oder?

Diebold: Nein, eben nicht. Die «swisstopo» hat zwar das Datenmaterial für das Appenzellerland, aber um beide Kantone mit näherer Umgebung abzudecken, müsste man an elf Einzelblätter kaufen.

Das kann man mit eurer Karte umgehen?

Diebold: Ja, darauf ist das ganze Appenzellerland, doppelseitig. Leider müssen wir – weil wir die Daten von «swisstopo» verwenden – von den Einnahmen jeder verkauften Karte fast zehn Franken abgeben.

Ein Nischenprodukt also. Mit dem Verkauf nahm der VAW über 29 000 Franken ein, 4000 Franken mehr als budgetiert.

Diebold: Erfreulich, ja. Anfangs hatten wir aber sehr viel Respekt vor dem Projekt. Es war ein sehr grosser Aufwand. Doch sie scheint beliebt zu sein.

Für den Unterhalt der Wanderwege werden die Bodenbesitzer in die Pflicht genommen. Ist der VAW hier nur Organisator?

Diebold: Gemäss Gesetz muss ein öffentlicher Weg jederzeit frei und gefahrenlos begehbar sein…

Ein Bauer darf seinen Stier also nicht frei auf einer Wiese herumlaufen lassen, über die ein Wanderweg führt?

Diebold: Nein, denn das ist eine Gefahrenquelle. Wegen solchen Fällen zogen Wanderer schon vor Gericht und haben Recht bekommen.

Gut zu wissen. Jetzt aber zurück zum Unterhalt.

Diebold: Also: Im Normalfall ist der Bodenbesitzer für den Unterhalt zuständig. Fallen aber grössere Arbeiten an oder zerstört ein Unwetter eine Brücke, so übernimmt meist die Gemeinde einen Teil der Kosten. Mitarbeiter der Gemeinde setzen die Brücke wieder instand, der VAW berät die Gemeinde. Wir organisieren also nicht, sondern stehen hauptsächlich mit unserem Wissen zur Verfügung. Dasselbe gilt für die Signalisation.

Der VAW erhält Beiträge von Kanton, Gemeinden, der ATAG und von SAW. Im letzten Jahr betrugen diese zusammengerechnet 102 500 Franken. Ist der VAW überhaupt auf Mitgliederbeiträge angewiesen? Schliesslich machten diese 2012 nur 14 500 Franken aus.

Diebold: Ja, wir brauchen sie und wir sind auch darauf angewiesen. Klar kann man sagen, dass die von der technischen Geschäftsstelle verursachten Kosten von rund 80 000 Franken mit den Beiträgen des Kantons und der Gemeinden gedeckt werden, aber die Mitgliederbeiträge verwenden wir für andere Ausgaben.

Die da wären?

Diebold: Dieses Geld fliesst in Dienstleistungen für Mitglieder und Wanderer. Damit meine ich: Prospekte, geführte Wanderungen, die Wanderkarte Tagungen, Kurse und so weiter.

Trotzdem: Auch ohne die Mitgliederbeiträge könnte der VAW das Wandernetz aufrechterhalten.

Diebold: Ja, das stimmt. Aber es gäbe natürlich massive Einschränkungen in anderen Bereichen und diese Bereiche sind ein essenzieller Teil unseres Services.

Als hier steuernder Ausserrhoder unterstütze ich den VAW ja bereits indirekt durch meine Steuergelder. Wieso sollte ich dann auch noch Mitglied werden und 20 Franken im Jahr bezahlen?

Diebold: Eine heisse Frage. Wer wandern geht, bezieht eine Dienstleistung. Natürlich kann man sagen, dass der Wanderer diese mit den Steuern teilweise bereits bezahlt. Doch das sind sehr kleine Beiträge. Ich denke aber, dass es sich als intensiver Wanderer lohnt, Mitglied zu werden oder einen Gönnerbeitrag zu zahlen. Denn wer wandert, will dass sich jemand für das Wandern einsetzt, und das machen wir.

Das klingt vernünftig. Aber das Argument «alle wandern, also sollten auch alle Mitglied sein» funktioniert nicht, oder? Denn die Wanderer bezahlen, wie gross der Beitrag ist, entscheiden ja nicht sie.

Diebold: Diese Ansicht kann ich nachvollziehen. Ich argumentiere aber etwas anders. Die Beiträge von der öffentlichen Hand fliessen vollumfänglich in die technische Geschäftsstelle. Nicht bezahlt ist hingegen die Beratung des VAW, die ganzen organisierten Wanderungen und so weiter. Diese Leistungen würden von der öffentlichen Hand nicht abgedeckt. Anbieten können wir sie nur deshalb, weil wir als privater Verein organisiert sind. Aber natürlich ist jede Zahlung an uns freiwillig und häufig wohl auch ideell begründet. Das schätzen wir.

Ist das nicht auch ein Problem des VAWs? Als Verein müsst ihr aktiv nach Mitgliedern suchen. Als kantonale Institution müsste dieser Aufwand nicht betrieben werden, die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen könnten mit nur leicht erhöhten Beiträgen aus der Katonskasse ausgeglichen werden.

Diebold: Das könnte ein möglicher Weg sein. Aus meiner Sicht ist die momentane Situation aber besser.

Warum?

Diebold: Als Verein haben wir eine viel grössere Verankerung in der Bevölkerung. Mit über 800 Mitgliedern sind wir im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr gut abgestützt. Rund jeder 52. Ausserrhoder ist Mitglied. Von solchen Zahlen kann beispielsweise Zürich nur träumen. Zudem stecken wir Herzblut in unsere Arbeit.

Seit der Gründung 1981 entwickelte sich der VAW zum grössten Verein Ausserrhodens. Am meisten Mitglieder hatte er 2007 vorzuweisen, 1011 an der Zahl. Heute sind es noch 844. Wieso?

Diebold: Dafür gibt es zwei Gründe. Einer davon ist die Altersstruktur unserer Mitglieder. Sie werden älter und möchten vielleicht nicht mehr Mitglied sein oder können dies nicht mehr, da sie gestorben sind. So verlieren wir ziemlich viele Mitglieder. Der zweite Grund ist wohl, dass es aus der Mode gekommen ist, Mitglied eines Vereins zu sein. Das spüren auch wir, obwohl – abgesehen vom Jahresbeitrag – bei uns mit einer Mitgliedschaft keine weiteren Verpflichtungen einher gehen.

Das Wandern an sich erlebt aber gerade einen Boom. Sollte der VAW davon nicht wenigstens einen Teil abbekommen?

Diebold: Man würde es meinen. Aber Fachorganisationen wie wir haben schweizweit ein Problem: Sie sind zu wenig bekannt. Eine Umfrage der Schweizer Wanderwege (SAW) ergab, dass 88 % der Bevölkerung über das Wandern reden, davon aber nur 7,5 % von der Existenz der Fachorganisationen wissen. Mitglied sind sogar nur 1,5 %.

Also muss der VAW in die Offensive gehen.

Diebold: Ja. Unser wichtigster Partner ist die ATAG. In Zusammenarbeit mit ihnen erstellen wir ein neues Konzept bezüglich veränderter Mitgliederwerbung- und betreuung.

Wird das helfen?

Diebold: Davon bin ich überzeugt. Unser Ziel ist es, wieder 1000 Mitglieder zu haben und diese Zahl auch zu halten.

Bereits für das nächste Jahr wurden etwas höhere Einnahmen bei den Mitgliederbeiträgen budgetiert. Ist die Talsohle erreicht?

Diebold: Das hoffen wir. Für das kommende Jahr ist das Mindestziel, die Mitgliederzahl zu halten. Das muss einfach klappen.

Wie viele organisierte Wanderungen plant der VAW dieses Jahr?

Diebold: 34 geführte, davon vier «Brauchtumswanderungen». Diese lehnen sich an das Schweiz-Tourismus-Konzept für das Jahr 2013 «Brauchtum» an.

Das obwohl die Zahlen nicht für die geführten Wanderungen sprechen. Im Gegenteil: Sie implodierten in den letzten fünf Jahren regelrecht. Waren es 2007 bei den regulären, geführten Wanderungen noch 1045 Teilnehmer, so waren es 2012 nur noch 377. Müsste der VAW nicht seine Strategie ändern?

Diebold: Wir haben schon einen Teil unserer Strategie geändert. Mit mehr Spezialwanderungen wie der «Route 22 in 22 Stunden» oder der «Genusswanderungen» haben wir Erfolg. In dieser Sparte nehmen die Teilnehmerzahlen nicht ab, nur bei den regulären Wanderungen. Aber auch diese wollen wir im Programm behalten, da sie nach unserem Verständnis zu unserem Grundangebot gehören. 2012 waren 900 Teilnehmer an 32 Wanderungen dabei.

Auch wenn die Teilnehmerzahlen noch weiter absacken?

Diebold: Ja, auch dann.

An der Hauptversammlung sagten Sie, dass Sie nun halt noch etwas länger Präsident bleiben werden. Wie lange noch?

Diebold: Bis ich einen passenden Nachfolger, eine passende Nachfolgerin gefunden habe.

Interview: Timo Züst

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