Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Das Haus, das fliegen konnte

Das Haus, das fliegen konnte, war ganz aus Holz, etwas windschief, ganz von Efeu überwuchert, Moos auf dem Dach.
Paul Gisi
Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

Das Haus, das fliegen konnte, war ganz aus Holz, etwas windschief, ganz von Efeu überwuchert, Moos auf dem Dach. Die Haustüre knarrte wohlig, wenn man sie öffnete, die Fenster waren da und dort undicht, die Fensterläden gammelten schräg und kaum mehr einsetzbar an den Hauswänden. Die Zimmerböden waren nicht ganz eben. Es war ein wundervolles Haus, das ich da mietete. Mir gefiel es ausserordentlich, seit ein paar Jahren lebte ich in diesem Haus mit den vier kleinen Zimmern. Im Winter wurde das Haus mit Holz beheizt, in der Küche kochte man mit Holz. Als es wieder einmal Frühling wurde, sagte ich zum Haus, nun, Du, flieg mit mir in den Süden, ein bisschen Abwechslung tut gut. Da schlief ich ein. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich aus dem Fenster und merkte, dass das Haus durch die Lüfte flog, unter mir sah ich Avignon. Ich rieb mir vergnügt die Augen und braute mir einen Kaffee. Am Stadtrand von Nîmes setzte sich das Haus hin, ich atmete lustverzückt auf. Ich unternahm ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt und in die nähere Umgebung, nach Cassargues, St-Césaire und Les Fontilles. Nach ein paar Wochen sagte ich zum alten Haus, nun fliegen wir aber weiter. Als ich nach einem Schlaf wieder die Augen öffnete, sah ich unter mir die indische Stadt Sambalpur, bald die eritreische Stadt Asmara, die uruguayische Grossstadt Montevideo, den Ontariosee, das spanische Hafenstädtchen Barrio Mar, das schwedische Städtchen Karats, es war ein grenzenloses Vergnügen, im fliegenden Haus aus dem Fenster zu schauen und unter mir die Welt funkeln zu sehen.

Nach einiger Zeit – waren es Wochen, Monate oder Jahre? ich weiss es nicht mehr – flog mein Haus zu seinem Ausgangspunkt zurück. Ich trat ein paar Schritte aus dem Haus und wurde vom Nachbarn gegrüsst, als sei nichts passiert. «Schönes Wetter heute», meinte er. Ich dachte mir, mit «schön» meint er wohl «sonnig». Ich war etwas abwesend, doch beim weitern Gespräch stellte ich fest, dass der Nachbar nichts von meinem fliegenden Haus wusste, nichts mitbekommen hat.

Ich habe selten so gelacht.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.