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Das Haus an der Ebnaterstrasse 17

Direkt an der Hauptstrasse, von Bäumen doch halb verborgen, steht das Haus mit der Adresse Ebnaterstrasse 17. Verlottert sieht es von aussen aus. Sieht es innen genauso aus? Wer sind die Leute, die hier leben? Wie leben sie? Warum leben sie hier? Ein Einblick.

Ein beklemmendes Gefühl macht sich beim Betreten des Hauses breit. Das Treppenhaus ist dunkel, die Farbe blättert von den Wänden, alles wirkt heruntergekommen. Viele Türen führen vom Treppenhaus weg, die meisten sind geschlossen. Nur zwei stehen offen: Die zur Küche und diejenige zum Badezimmer, die beide etwa denselben schäbigen Eindruck machen wie das Treppenhaus. Pro Stockwerk gibt es eine Küche und ein Bad, welche die Bewohner sich teilen, erklärt Renato Aloisio, Leiter Soziale Dienste der Gemeinde Wattwil, die das Haus mietet. Aber wer sind sie, die Bewohner?

Flüchtlinge aus vielen Kulturen

Insgesamt leben auf den drei Stockwerken zwischen 15 und 20 Personen. Die meisten von ihnen stammen aus fernen Ländern, kommen aus unterschiedlichen Kulturen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht ganz freiwillig in diesem Haus wohnen. Es sind Asylbewerber, Nothilfebezüger und Sozialhilfeempfänger, die ein sogenanntes «Notbett» benötigen.

Innerhalb des Hauses sind sie mehr oder weniger nach Kulturen auf die Stockwerke verteilt. Zuoberst lebt eine fünfköpfige Familie aus Somalia. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, der Vater hat eine Arbeit gefunden. Theoretisch könnten sie aus dem Haus ausziehen. «Das Problem aber ist, dass ihr Budget für eine Wohnung sehr schmal ist. Zudem ist es leider auch so, dass kaum ein Vermieter an sie vermieten will, weil sie aus einer fremden Kultur stammen», sagt Renato Aloisio.

Kaum Privatsphäre

Auf den anderen beiden Stockwerken leben Einzelpersonen – alles Männer. Sie kommen aus dem Iran, der Türkei, aus Afghanistan, Nigeria und Palästina. Je nach Grösse des Zimmers bewohnen sie dieses alleine, zu zweit oder zu dritt. Einer von ihnen ist der 36jährige iranische Kurde Khalid Karimi. Er empfängt den Besuch in dem knapp 20 Quadratmeter grossen Zimmer, das er sich mit zwei anderen Iranern teilt. Das sei nicht einfach, sagt er schüchtern. Privatsphäre ist sozusagen nicht vorhanden.

Das wird während des Gesprächs schnell klar: Ein Mitbewohner kommt rein, von oben ist jede Regung der Familie zu hören und auch aus dem Treppenhaus dringt jedes Geräusch ins Zimmer. Khalid Karimi verbringt viel Zeit in diesem Raum und er hat viel Zeit zum Grübeln. Zögerlich erzählt er seine Geschichte – man merkt, dass er nur schwer Vertrauen fasst: Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Wattwil und das ist nur eine Station auf einer ungewissen Reise, die wohl noch nicht zu Ende ist. 1997 sah sich Khalid Karimi als Kurde gezwungen, seine Heimat, den Iran, zu verlassen und in den Nordirak zu gehen. «Wer sich im Iran für mehr Demokratie und Menschenrechte einsetzen will, dem droht Gefängnis oder gar die Hinrichtung. Damit ich etwas gegen die Unterdrückung der Kurden unternehmen konnte und um mich politisch für mehr Freiheit und Demokratie im Iran einsetzen konnte, bin ich in den Nordirak ausgewandert. Dort war das eher möglich, wenn auch nicht ungefährlich», sagt Khalid Karimi. Dort lebte er bis 2002 und engagierte sich in der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (DPK-I). Aufgrund des zunehmenden Drucks, den der Iran ausübte, habe Khalid dann auch den Irak verlassen müssen. Er flüchtete in die Türkei, wo er vom UNHCR als Flüchtling anerkannt wurde.

Dort wartete er darauf, dass ein Gastland für ihn gefunden wird. Als Kurde aber habe er fürchten müssen, dass die Türkei ihn in den Iran zurück schickt. Er sei denn auch immer mehr unter Druck geraten. Er sollte Kurden in der Türkei, die wie er politisch aktiv waren, verraten. Ihm sei gedroht worden und da bei seinen Vernehmungen auch ein Vertreter des Irans dabei gewesen sei, hätte der iranische Geheimdienst um seinen Aufenthaltsort gewusst. Khalid Karimi fühlte sich nicht mehr sicher und beschloss zu fliehen.

«Leben wie ein Mensch»

Er landete in der Schweiz. Hier wurde er von Heim zu Heim gereicht, bis er vor zweieinhalb Jahren nach Wattwil kam. Bereits zweimal hat er einen negativen Asylbescheid bekommen, ein drittes Mal will er es jetzt versuchen. Daher gehört er zu den sogenannten Nothilfeempfängern. Besonders schwer ist für ihn die Ungewissheit. «Ich kann nicht in den Iran zurückkehren. Dort würde mir die Hinrichtung drohen», begründet er. Das Leben wie es jetzt ist, sei für ihn aber auch nicht lebenswert. «Manchmal denke ich, Selbstmord wäre die beste Lösung», sagt er. «Ich möchte einfach wieder wie ein Mensch leben.» Das würde für Khalid Karimi zum Beispiel bedeuten, nicht mehr nur zu Hause zu sitzen. Als Nothilfebezüger darf er nicht arbeiten. Auch ein Einsatz in Beschäftigungsmassnahmen sei nicht möglich, sagt Renato Aloisio.

Im Gegensatz zu Khalid Karimi ist die Mehrheit der anderen Bewohner des Hauses beschäftigt. Entweder haben sie eine Arbeit oder sie sind in einem Beschäftigungsprogramm, das ihnen den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern soll. Khalid Karimis Tage aber werden lang.

Mit den acht Franken pro Tag kommt er nicht weit. Einmal pro Woche besucht er den Mittagstisch der Kirchgemeinde. Manchmal gehe er spazieren, er lese viel und lerne weiterhin Deutsch. «Khalid Karimi bemüht sich sehr um Integration und er sei auch noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen», sagt Renato Aloisio. Er habe auch die Verantwortung für das Putzen auf seinem Stockwerk übernommen und achte auf Sauberkeit und Ordnung in den Gemeinschaftsräumen.

Konflikte und Kontrolle

Das sei keine Selbstverständlichkeit, sagt Bernhard Schmid, der sich als Mitglied des Solidaritätsnetz als Freiwilliger um die Bewohner des Hauses kümmert. Längst nicht jeder putzt die Küche nach Gebrauch oder hinterlässt das Bad sauber. Auch den Abfall raus zu stellen sei für gewisse Bewohner nicht selbstverständlich. Dass es daher zu Konflikten kommt, ist klar. Das bestätigt auch Khalid Karimi. Das Zusammenleben auf so engem Raum mit Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen sei schwierig, zumal sie sich untereinander zum Teil sprachlich gar nicht verstehen. Auch aus diesem Grund besucht Renato Aloisio das Haus mindestens zweimal die Woche. «Längst nicht alle sind so gewissenhaft wie Khalid Karimi», begründet der Leiter Soziale Dienste. Er kontrolliert, ob die Ordnung einigermassen stimmt, überprüft, ob keine Personen im Haus sind, die nicht da sein sollten. «Dass wir die Kontrolle über das Geschehen im Haus haben, ist ausserordentlich wichtig. Daher haben wir Anfang Jahr auch die Bewohner, die wir im alten Schulhaus im Hummelwald untergebracht hatten, in die Ebnaterstrasse geholt», erklärt er. Wichtig sei die Kontrolle auch, um Drogendelikte zu verhindern, sagt er weiter. Auch schon hätten sie die Polizei einschalten müssen, einzelne Bewohner seien ins Gefängnis gekommen.

Neue Bewohner erwartet

Abgesehen von solchen einzelnen Abgängen ins Gefängnis und wenigen, die in ihr Heimatland rückgeführt worden seien, wären die letzten drei Jahre ziemlich konstant gewesen.

In diesen Tagen aber wird wieder eine Familie erwartet. Bernhard Schmid hat das Familienzimmer bereits wieder mit Möbeln aus dem Brockenhaus ergänzt. Allerdings fehlt noch einiges. «Ich will abwarten bis wir wissen, wie alt die Kinder sind», sagt er. Auch woher die Familie ursprünglich stammt, ist der Gemeinde noch nicht bekannt. «Die Asylbewerber werden uns von der Koordinationsstelle des Kantons zugeteilt. Ob und wie viel Platz wir haben, spielt dabei keine Rolle. Wir müssen sie unterbringen», sagt Renato Aloisio. Auch Khalid Karimi erkundigt sich nach den neuen Nachbarn. Für ihn aber bleibt eine andere Frage drängender: Darf ich hier bleiben oder muss ich zurück in den Iran?

Barbara Anderegg

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