Das Grösste im Kleinsten

Brosmete

Paul Gisi
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Lyrik ist eine tolle Sache! Mit Lyrik kann man lachen und weinen, man kann die Welt, Geisteshaltungen und Gefühlslagen offen darlegen und geheimnisvoll verschleiern. Man kann den Weltschmerz oder eine rasselnde Lebensbegeisterung ausdrücken. Das Gedicht ist ein Sinn-Bild des Kosmos, eine Kaskade des Grossstadtgetümmels, eine Liebeserklärung an die Natur. Im individuellen Wortbild wird das Allgemeine evoziert. Man kann die Nacht «teufelsrochengezähnt» nennen, Asselspinnen winken dem Universum zu. Die Freiheit zu kombinieren ist grenzenlos. Man muss nur den stimmigen «Sound» finden; man kann das Unerklärliche unerklärlich sein lassen – oder feinnervige Erklärungen offenlegen. «Wurzelfüsser / festen das Leben // ich suche den Pfad / der dunklen Erleuchtung.» Man darf das Geheimnis Geheimnis sein lassen. Unwägbarkeiten in einen Akkord fassen, der unendlich viele andere Akkorde mitklingen lässt. Der Riffbarsch kann einen höhleneingedunkelten Liebesbrief schreiben. Das Weltall wird e i n s in den kleinsten Gegensätzen unserer Erfahrung, unserer Weltwahrnehmung.

Als Lehrer von Viertklässlern habe ich einmal meine Schülerinnen und Schüler Gedichte schreiben lassen, es war fantastisch, was da zutage kam! «Der Papagei lachte meine Grossmutter an / ich lachte auch», schrieb eine Schülerin. «Die Sonne ruht sich aus / ich köpfle in den See», schrieb ein Schüler. Das sind herrliche lyrische Statements. Die meisten Gedichte hatten etwas Surrealistisches (was wohl auf meine vorgängigen Beispiele zurückgeführt werden konnte, nehme ich an). «Der Flohkrebs zwackt mit seinen Scheren / er lebt halt so gern.»

Dass sich Gedichte reimen müssen, ist Plunder, Reime zerstören die fliessende, hüpfende Eingebung.

Letzthin schrieb ich folgendes Gedicht: «Amöbe / du bist mir Sinnbild / für die Unendlichkeit» und «Kleine erleuchtete Qualle / ich singe mit dir.» Ich hoffe, dass meine Gedichte immer noch jene Qualität eines Viertklässlers haben, kühn im Kombinieren, keck in der ungewohnten Einfärbung des Alltags, kündend vom Individuellen. Nur das Ur-Eigene ist von allgemeinem Belang.

Paul Gisi